"Perfect Escape" - Jennifer Brown

Mittwoch, 20. August 2014

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Mehr Infos: dtv "Perfect Escape"
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Kendra liebt ihren Bruder Grayson - und leidet doch seit Jahren unter seinen Panikattacken und Zwangsneurosen. Um Ausgleich bemüht, versucht sie selbst besonders perfekt zu sein. Sie weiß, auf ihr, der Musterschülerin, ruhen alle Hoffnungen der Eltern. Bis bei Kendra eines Tages die Sicherungen durchbrennen: Sie packt Grayson in ihr altes Auto und haut ab. Nach Kalifornien zu Zoe, ihrer ehemals besten Freundin und Graysons erster Liebe...

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">>Glimmer hat glatte Bruchkanten. Wenn man so einen Stein zerbricht und die beiden Teile aneinanderhält, dann passen sie perfekt zusammen.<<
>>So ähnlich wie wir<<, flüsterte ich, ohne richtig zu merken, dass ich den Gedanken laut aussprach. Meine Schulter berührte die von meinem Bruder.
>>Zerbrochen und ziemlich kaputt, aber nicht zerstört.<<"

["Perfect Escape" | Jennifer Brown | S. 359]

Spätestens als ich damals die letzte Seite von "Bitter Love" (Rezension) zuschlug und sowohl atem- als auch fassungslos und mit einem Gefühlswirrwarr im Herzen da saß, war klar: Auch der nächste Jennifer Brown würde wieder in meinem Buchregal landen müssen! Denn was Jennifer Brown mit Sprache, Bildern und Charakteren anstellte, wühlt auf, beeindruckt zutiefst und bleibt lange Zeit im Gedächtnis hängen, so viel stand damals bereits fest. Insofern war es nicht weiter verwunderlich und lediglich eine Frage der Zeit, bis ich mich mit der wohl schönsten Freude überhaupt - der Vorfreude - an ihr neustes Werk "Perfect Escape" wagen würde.

Das Erste, was auffällt: Jennifer Browns Schreibstil ist so geblieben, wie er mir von "Bitter Love" in Erinnerung gewesen ist. Schlicht, ungekünstelt, natürlich. Einfache Sätze, die zur jugendlichen Protagonistin und Ich-Erzählerin Kendra passen und dennoch ab und zu den Vorschlaghammer herausholen und einmal kräftig und mitten auf das Leserherz schlagen. Ohnehin durfte ich wieder einmal feststellen, dass in Jennifer Browns Werken stets eine Brise Melancholie in der Luft liegt - eine, die zwar nicht auf die Tränendrüse drückt, mich jedoch schwer aufseufzen lässt. Diese beschwerliche Grundstimmung, zu der sicherlich auch die Zwangsneurose von Kendras Bruder Grayson seinen Teil beiträgt, ist gespickt von unheimlich vielen aufbrausenden, hellen Momenten der Freude, die Kendra und Grayson auf ihrem Roadtrip erleben und die Gefühlswelt des Lesers in eine chaosgleiche Achterbahnfahrt versetzen. 

Es scheint ganz so, als würde sich Jennifer Browns Stimme über die Seiten hinweg an ihre Leser richten und sagen: "Das ist ein kleiner Splitter und Bruchteil dessen, wie sich die Probleme auf unserer Welt auf jeden Einzelnen von uns auswirken können. Das ist das Leben - voller Ungerechtigkeit, Sorgen und Ängste, vor denen zu fliehen kein Roadtrip der Welt - und wenn er noch so lange sein mag - möglich machen kann. Flucht ist kein Ventil für Angst und das Leben wird ungerecht und schwierig bleiben, auch wenn du es durch die Frontscheibe deines Autos erlebst und in den entferntesten Bundeststaat reist. Aber, hey - es ist okay! Auch in schwierigen Situationen, unter schwierigen Umständen und Verhältnissen finden sich kostbare Lichtmomente."

Was ich an der Art und Weise, wie Jennifer Brown eben genannte Botschaft transportiert, in besonderem Maße interessant fand, war, dass über die Seiten von "Perfect Escape" hinweg klar wird, dass nicht nur Kendras Bruder Grayson derjenige mit den Problemen ist. Auch Kendras Charakter birgt seine Schattenseiten, auch sie hat Makel, die sich zwar nicht physisch dank einer Zwangsneurose wie bei ihrem Bruder äußern, sondern anderweitig zu Tage treten. Zwar verspürt sie nicht bei dem leisesten Anflug von Angstzuständen oder unangenehmen Situationen das Bedürfnis, bis in die Unendlichkeit vor sich hin zu zählen, loszuschreien oder Steine in Steinbrüchen zu studieren (wie das bei Grayson der Fall ist), jedoch muss auch sie mit ihren ganz eigenen, persönlichen Ängsten und Schwächen kämpfen. Und wahrscheinlich war und ist es ganu das, was Kendra zu dem machte, was ihr Bruder Grayson von Anfang an in meinen Augen war: Authentisch, menschlich und - ja! - manches Mal armselig, beschämend und vielleicht mitleiderregend, aber dadurch umso glaubhafter und ebenso fehlerhaft wie auch wir es sind. 

Dabei rückt die gesamte Zeit über entgegen meiner Erwartung - und trotz der Tatsache, dass dies im Klappentext angedeutet wird - weder das Thema Liebe noch Freundschaft in den Vordergrund. Im Gegenteil, Kendras ehemals beste Freundin, die vor Jahren in den entfernten Bundesstaat Kalifornien wegzog, spielt eine sehr geringfügige Rolle. Im Nachhinein erscheint es mir fast so, als wäre es Jennifer Brown gekonnt gelungen, mich bis zum letzten Drittel des Buches gekonnt an der Nase herumzuführen, denn ich hatte eine völlig andere Richtung erwartet, als diejenige, die das Buch letztendlich einschlägt. Zugegeben, mit spannungsgeladenen Ereignissen, die sich geradezu überschlagen und einem den Atem rauben, kann "Perfect Escape" nicht punkten. Vielmehr schlägt es ruhige, zarte Töne an, beherbergt einige Längen und hat nichts Spektakuläres zu bieten - aber erwärmt ab und an das Herz, bedrückt, lässt auflächeln und schenkt den Glauben daran, dass jene Bande zwischen Geschwistern zu den wertvollsten und stärksten überhaupt zählen können.
"Manchmal muss man gar nicht laut aussprechen, dass man jemanden lieb hat.
Manchmal genügt es, im Schatten dieses Menschen zu stehen und nichts dabei zu finden."

["Perfect Escape | Jennifer Brown | S. 360]
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Eine ruhige Geschichte, die in leisen Tönen von einer Reise erzählt, bei der nicht das Ziel entscheidend ist, sondern der Weg selbst sich als wertvoll und lehrreich erweist. Wer sich die Schilderung eines spektakulären und spannenden Roadtrips erhofft, ist hier wohl an der falschen Adresse. Alle anderen können sich auf eine zarte Geschichte mit einigen wenigen Längen freuen, die von Identität, Ängsten und Zweifeln erzählt, vor allem aber eine Hommage an die kostbaren Banden zwischen Geschwistern zu sein scheint. 




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