"Wie Monde so silbern" - Marissa Meyer

Mittwoch, 1. Januar 2014



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Cinder lebt bei ihrer Stiefmutter und ihren zwei Stiefschwestern, arbeitet als Mechanikerin und versucht gegen alle Widerstände, sich nicht unterkriegen zu lassen. Als eines Tages in unauffälliger Kleidung niemand anderes als Prinz Kai an ihrem Marktstand auftaucht, wirft das unzählige Fragen auf: Warum braucht Kai ihre Hilfe? Und was hat es mit dem plötzlichen Besuch der Königin von Luna auf sich, die den Prinzen unbedingt heiraten will? Die Ereignisse überschlagen sich, bis sie während des großen Balls, auf den Cinder sich einschmuggelt, ihren Höhepunkt finden. Und diesmal wird Cinder mehr verlieren als nur ihren Schuh …

Quelle: amazon.de
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">>Aber es gibt ungefähr zweihunderttausend Mädchen in dieser Stadt, die sich ein Bein ausreißen würden, dich zu begleiten.<<
[...] Sie sah ihn an. Als sie die Verletzlichkeit in seinen braunen Augen bemerkte, brach ihre Verteidigungsmauer zusammen.[...]
>>Zweihunderttausend Mädchen<<, sagte er. >>Und was ist mit dir?<< "

["Wie Monde so silbern | Marissa Meyer | Seite 221f.]


Mein Märchenherz schlug höher, als ich "Wie Monde so silbern" endlich in Händen halten konnte. Auch wenn es nichts gänzlich Ungewöhnliches ist, wenn Autoren zu den Stoffen alter Sagen und Märchen greifen, um eine eigene Geschichte zu erzählen, hatte ich dennoch die - zwar von leichter Skepsis durchtränkte - Hoffnung und Ahnung, es hier mit viel mehr als einer bloßen Rezeption des Cinderella-Märchens zu tun zu bekommen. Glücklicherweise behielt ich damit recht.

Ohne Rücksicht auf mögliche Verständnis- oder Eingewöhnungsschwierigkeiten schmeißt Marissa Meyer ihre Leser regelrecht in Ort und Zeit des Geschehens hinein. Obwohl es nicht lange dauerte, bis ich mitbekam, dass diese in unbekannter Zukunft spielende Welt, in der im Übrigen sogar von einem vergangenem vierten Weltkrieg gesprochen wird, sich wohl maßgeblich von der unserer entscheidet, hingen zugegebenermaßen dennoch zu Anfang kleine, imaginäre Fragezeichen über meinem Kopf. Begriffe wie "Cyborg", "Netscreen", "Portscreen", "Androiden" und viele mehr sind Standardbegriffe, mit denen der Leser von der ersten Seite an konfrontiert wird. Doch wider Erwartens wurde ich nicht gezwungen, die ersten und darauffolgenden Seiten mit einem verständnislosen Stirnrunzeln lesen zu müssen: Raffiniert und äußerst geschickt fühlt man sich dieser Welt, die einem zu Beginn noch völlig fremd erschien, in Windeseile vertraut. Die Bedeutung hinter Begriffe, die noch zu Anfang den Lesefluss störten, werden bald immer klarer und schließlich gewöhnlich. 

Begleiter in dieses neue Zeitalter ist ein durchweg angenehmer, einem Jugendbuch gerechten Schreibstil, der sowohl emotionalere, als auch sachliche Töne anschlägt. Dennoch ist Marissa Meyers Schreibstil eher als "schlicht" zu bewerten - nicht ihre Wortwahl, sondern der Inhalt, die kleinen, meist erschreckenden Schlusspointen eines jeden Kapitels veranlassten mich, mitzufiebern.
Wo wir auch schon das richtige Stichwort hätten: "Mitfiebern". Obwohl die Grundzüge der Geschichte - vor allem zu Anfang - leicht bekannt sind und immer wieder offensichtliche, gewollte Parallelen zum Aschenputtel-Märchen auftauchen, verpasst Marissa Meyer mit ihrer neuzeitlichen, Cinderella-ähnlichen Geschichte diesem uralten Märchen die Tiefe, die vielen Märchen oftmals fehlt. Zwar entlockten Stiefschwester Pearl und Stiefmutter Adri mir ab und an dieselben Hassgefühle, die auch Cinder ihnen die meiste Zeit entgegenbringt, jedoch steckt hinter den Rollen dieser beiden viel mehr, als nur die üblichen Märchen-Bösewichte. Pearl und Adri sind und bleiben zwar hauptsächlich die bösen Gegenspieler, jedoch lässt Marissa Meyer versteckt und andeutungsweise Charakterzüge in ihnen aufblitzen, die von gewisser Menschlichkeit zeugen und Stiefschwester und -mutter somit ebenfalls realistische Konturen verleihen, die sich nicht nur auf die übliche Schwarzweißmalerei beschränken.

Die zu erwartende Liebesgeschichte ist überraschend zurückhaltend, keinesfalls märchenhaft-kitschig oder übereilt. Im Mittelpunkt stehen vielmehr Cinder und Kais Ängste und Hoffnungen, die dem Leser mithilfe abwechselnder personaler Erzähler näher gebracht werden. Dennoch überwiegen die Kapitel, in denen man als imaginärer Begleiter Cinder als Hauptprotagonistin auf ihren Erlebnissen begleitet.
Cinder, die im einen Moment unheimlich feinfühlig, im anderen bereits wieder mutig, stark und standhaft erscheint, die sich nicht in die Reihe der liebestrunkenen, eitlen Mädchen, die auf einen kurzen Blick des Prinzes hoffen, einreiht, ist eine durchweg sympathische Protagonistin, deren Handlungen und Gefühlsregungen für mich stets nachvollziehbar waren. Auch mit ihr hat Marissa Meyer bewiesen, dass hinter den meist flachen, eintönigen Märchenprinzessinnen mehr stecken kann: Cinder ist nicht nur das fleißige, von der Stiefmutter verschmähte Aschenputtel, das von einem Tanz mit dem Prinzen träumt, sondern eine willensstarke, mutige und bewundernswerte Protagonisten, die ihre Macken aufweist und dennoch das Herz am richtigen Fleck trägt.

Während "Wie Monde so silbern" demnach bereits mit seinen Charakteren das allseits bekannte Märchen übertrifft, ist es die Handlung, mit der es sich ähnlich verhält: Vor allem gegen Ende hin überschlagen sich die Ereignisse, die mich teilweise unvorbereitet, teilweise meine Ahnung bestätigend trafen und die diese Geschichte zu mehr als einer bloßen Rezeption werden lassen. "Wie Monde so silbern" schlägt gegen Ende hin eine völlig fremde Richtung ein und ließ mich mit gespanntem Fingerkribbeln, das sofort nach dem nächsten Band lechzte, nach einem Ende zurück, das sich maßgeblich vom üblichen Aschenputtel-Friede-Freude-Eierkuchen-Ende unterscheidet.

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"Wie Monde so silbern" ist so viel mehr als eine bloße Rezeption eines aus Kindertagen bekannten, uralten Märchens: Charaktere, die mehr Tiefe und Menschlichkeit aufweisen, ein Setting, das Realitätsnähe erzeugt, eine Handlung, die das Märchen an Spannungsgeladenheit übertrifft und eine Liebesgeschichte, die glaubwürdiger erscheint und - zumindest im ersten Band - nicht mit einem langweiligen "Und wenn sie nicht gestorben sind..." endet - all das macht dieses Buch zu einem mitreißenden, emotional strapazierenden Erlebnis, das ich unbedingt auf der Stelle mit dem zweiten Band "Wie Blut so rot" wiederholen möchte!




1 Kommentar:

Tabea hat gesagt…

Boah, lange Rezi! Kannst du die schrift vielleicht noch etwas größer machen? Wäre dann schöner zu lesen ;)
Ich habe die Leseprobe gelesen und MUSS es einfach haben. Es hört sich so toll an. Cinder ist einfach mal ein Cyborg! Ich LIEBE sowas! :D

LG
Tabea
von Bildmoment und Im Kopf eines Bookaholic

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