"Das Schneemädchen"- Eowyn Ivey

Montag, 31. Dezember 2012

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Alaska, in den 1920er Jahren: Mabel und Jack konnten keine Kinder bekommen. Um den Schmerz und die Enttäuschung hinter sich zu lassen, haben sie an der Zivilisationsgrenze Alaskas ein neues, einfaches Leben als Farmer begonnen. Doch Trauer und der harte Überlebenskampf in der erbarmungslosen Natur schaffen zwischen den beiden, die sich innig lieben, eine scheinbar unüberbrückbare Distanz.
Als der erste Schnee fällt, überkommt Mabel für kurze Zeit eine fast kindliche Leichtigkeit. Eine Schneeballschlacht mit Jack entspinnt sich, und sie bauen vor ihrer Hütte zusammen ein Kind aus Schnee. Am nächsten Tag entdecken sie zum ersten Mal das feenhafte blonde Mädchen in Begleitung eines Fuchses, das sie zwischen den Bäumen des Waldes hindurch beobachtet. Woher kommt das Kind? Wie kann es allein in der Wildnis überleben? Und was hat es mit den kleinen Fußspuren auf sich, die von Mabels und Jacks Blockhaus wegführen?
Quelle: amazon.de
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"Dieses Mal wollte sie in ihrer Liebe nicht nachlassen, nicht einen Moment lang.
Sie wollte wachsam bleiben und wünschen und glauben. Bitte, Kind. Bitte, Kind.
Bitte, verlass uns nicht."
["Das Schneemädchen"|Eowyn Ivey|Seite 188]

 Allein der Titel lässt Wundervolles vermuten und sämtliche märchenhafte Vorstellungen vor dem inneren Leseauge aufkeimen: Eine märchengleiche, jedoch modernisierte und in den Kälten Alaskas angesiedelte Erzählung, die früheres Märchenmaterial in neuem Kontext in frostig schöner Winteratmosphäre verpackt. Kurz gesagt, versprach ich mir ein herzerwärmendes und dennoch glaubhaftes Märchenabenteuer, das es zustande bringt, die geheimnisvolle Stimmung des Winters ein wenig einzufangen.
 
Einmal in "Das Schneemädchen" versunken, wird schnell klar, dass Eowyn Ivey kein regenbogen-malerisches Märchen erschaffen hat, in dem jedem Tag die Sonne scheint und für jedes Problem ein Wunder herbeigezaubert wird: Nein, Eowyn Ivey, in der Rolle des personalen Erzählers, stellt den Leser an die Seite von Jack und Mabel, ein Ehepaar mittleren Alters, das sich in die schneeverhangenen, kräfteaufreibenden Tiefen Alaskas zurückgezogen hat und aufgrund ihres unerfüllten Kinderwunsches von aufzehrender Einsamkeit heimgesucht werden und jeden Tag mehr oder minder in den Kälten ums nackte Überleben zu kämpfen haben.

Nach und nach ist es einem erlaubt, in Mabels und Jacks Eigenheiten, Wünsche, Träume und Ängste nähere Einblicke zu erhaschen. Mit steigender Seitenanzahl lernt man nicht nur die verträumte, ruhige und fleißige Mabel kennen,  die jedoch innerlich von dem alleseinnehmendem Wunsch nach einem Kind brennt, sondern beginnt auch Gründe für Jacks manchmal auftretende scheinbare Verschwiegenheit oder Unsensibilität zu verstehen.
Während der Leser die beiden auf ihrem Alltag auf dem einsamen Hof mitten in Alaska begleitet, sie bei ihren täglichen Arbeiten und bei ihrem verstecktem Kampf ums Überleben beobachtet, lernt man beide dieses grundverschiedenen Ehepaars nicht nur besser kennen, sondern auch allmählich lieben: Ob Mabels Ehrlichkeit, Jacks versteckte Gutmütigkeit oder ihr alleseinnehmbender Wunsch nach einem Kind, das ihrer Einsamkeit ein Ende bereitet - Beide Charaktere werden über die Seiten hinweg zunehmend greifbarer, zeigen nicht selten Makel oder Fehler, die von ihrer unvollkommenen Menschlichkeit zeugen und sie einfach unheimlich sympathisch werden lassen.

Auch als das geheimnisvolle Schneemädchen, das bereits im Klappentext erwähnt wird, erstmals auftaucht, zeigen die beiden immer mehr beeindruckend menschliche und vielfältige Facetten, die es ermöglichen, dass die beiden dem Leser in Windeseile ans Herz wachsen und dieser gemeinsam mit Mabel und Jack versucht, hinter das Geheimnis des mysteriösen Schneemädchens zu gleangen, das in den Wäldern um Jack und Mabels Hof plötzlich in Begleitung eines Fuchses umherwandert.

Schon bald mischen sich neben Mabel und Jack andere Charaktere ins Gesamtbild, die zwar nicht reich an Zahl, jedoch dafür an Charakterstärke sind. Zweifelsohne beweist Eowyn Ivey auf jeder einzelnen Seite von "Das Schneemädchen", dass ihre herausragende und besondere Stärke eindeutig in der Charakterzeichnung liegt. Tatsächlich schaffen es Mabel, Jack und die anderen Charaktere - , welche zu bedeutsam sind ich zu lieb gewonnen habe, um sie als "Nebencharaktere" bezeichnen zu können- die meisten Figuren anderer Bücher schamlos in den Schatten zu stellen.
Ich hege den leisen Verdacht, dass meine Kritik an anderen Charakteren zukünftiger Bücher nach Jack, Mabel und Co. härter ausfallen wird, denn eins steht mit ziemlich großer Sicherheit fest: Wer "Das Schneemädchen" liest, wird sich ziemlich schnell Hals über Kopf in seine Charaktere verlieben.

Hinzu kommt Eowyn Iveys wunderbarer, tatsächlich märchengleicher Schreibstil, der es mir ermöglichte, jedes Wort, jeden umschriebenen Gedanken oder jedes Gefühl sofort abzuverkaufen und aufnehmen zu können. Dabei schafft sie es, Situationen so treffend und dennoch mit wenigen, jedoch wirkungsvollen Worten einzufangen, dass ich mir am liebsten mindestens alle 5 Seiten ein Notizbuch geschnappt und ein wunderschön treffendes Zitat herausgeschrieben hätte.

Diese Tatsache vermischt mit der bereits erwähnten unübertrefflichen Charakterzeichnung sollte in der Gleichung eigentlich die volle Punktzahl inklusive vieler imaginärer Herzchen ergeben. Jedoch gab es für mich vor allem zu Anfang und vordere Mitte des Buches einen kleinen Kritikpunkt: Besonders zu erwähnten Zeitpunkten zog sich die Handlung für meinen Geschmack etwas zu sehr in die Länge. Viele unwichtigere Handlungsstränge wurden detailreich beschrieben, das Mysterium um das Schneemädchen blieb lange Zeit ein undurschaubares, schwarzes Rätsel.
Erst zur Mitte hin gewann die Hanldung schlagartig an Fahrt, behielt jedoch ihren märchengleichen - ein Pluspunkt- Charakter bei. Auch wenn mir die Idee des Endes nicht ganz zusagen konnte, empfand ich die Gestaltung und das, was Eowyn Ivey daraus zauberte, dafür umso gelungener, sodass es Mrs. Ivey letztendlich in meinen Augen und für mich schaffte, ihre wundersame Geschichte in einem emotionalem, bittersüßen Ende mit herzschmerzbereitendem, melancholischem Ende ausklingen zu lassen.
  
"Doch man musste Wunder nicht verstehen, um an sie glauben zu können, und mittlerweile hegte Mabel den Verdacht, dass es sich damit gerade umgekehrt verhielt.
Wer glauben wollte, musste vielleicht aufhören, nach Erklärungen zu suchen, und stattdessen das kleine Etwas in Händen halten, solange es ging, bis es zwischen den Fingern zu Wasser zerrann."
["Das Schneemädchen"|Eowyn Ivey|Seite 247]
 
picture sources: 1, 2
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"Das Schneemädchen" von Eowyn Ivey ist eine Geschichte, die ihre Stärken in einer wunderbaren Charakterzeichnung und einem atmosphärischem Schreibstil findet - Eine Geschichte, welche es trotz kleiner Schwächen schafft, den Leser in die Kälten Alaskas zu entführen, ihn frösteln zu lassen und gleichzeitig sein Herz zu erwärmen. Ein bittersüßes Märchen, das man nur empfehlen kann.






Herzlichen Dank an den Kindler-Verlag für die freundliche Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars!

 
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1 Kommentar:

captain cow hat gesagt…

Ich war hin- und hergerissen, als ich das Buch zum ersten Mal entdeckte. Es klingt so märchenhaft schön, aber irgendwie hatte ich auch schon einige weniger gute Kritiken gelesen. Deine Meinung ermutigt mich aber wirklich, vielleicht probiere ich es mit dem Buch doch mal :)
Habt ihr "Das Mädchen mit den gläsernen Füßen" gelesen? Wenn ja, sind die Bücher von der Atmosphäre her irgendwie vergleichbar?

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