"Halva, meine Süße"- Ellen Alpsten

Sonntag, 14. Oktober 2012

















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Teheran 2004: Nachdem der Vater der 8-jährigen Halva Mansouri nur mit viel Glück der Willkür und Folter im iranischen Gefängnis entkommen ist, sieht die Familie keinen anderen Ausweg mehr, als aus dem Iran zu fliehen. Mit Hilfe ihres einflussreichen Bekannten Bijan setzen sie sich nach Augsburg ab.
Zehn Jahre später: Halvas Familie hat sich in Deutschland eine erfolgreiche Existenz aufgebaut. Ihre Eltern führen ein gut laufendes Café, ihr Bruder Mudi hat gerade mit seinem Jurastudium begonnen und sie selbst steht kurz vor ihrem Schulabschluss. Auf einer Erstsemesterparty lernt sie Kai kennen, einen Kommilitonen von Mudi. Für Halva ist es Liebe auf den ersten Blick und auch Kai schwebt auf Wolke Sieben. Doch auf einmal beginnt ihre Familie, die Treffen mit Kai zu verhindern. Halva ist völlig verwirrt: Was stört ihre sonst so weltoffenen Eltern an der Beziehung zu Kai? Und was hat es mit den Briefen auf sich, die plötzlich aus Teheran eintreffen? Als Halva schließlich hinter das Geheimnis ihrer Familie kommt, wird ihr klar, dass nicht nur ihre Liebe zu Kai, sondern ihre gesamte Zukunft auf dem Spiel steht - so hoch war der Preis, den ihre Eltern damals für die Flucht aus dem Iran Preis gezahlt gezahlt haben ...
Quelle: amazon.de
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" >>Weißt du, was, Mudi? Wir haben verdammtes Glück<<, sagte sie plötzlich.
>>Warum?<<
Mudi kramte in seinem Geldbeutel nach seiner Monatskarte.
>>Weil wir zwei Welten angehören dürfen. Ich konnte mir lange nicht vorstellen, dass das geht.<< "
("Halva, meine Süße"/Ellen Alpsten/Seite77)
 
Ein heftiger Aufprall zweier weltverschiedenen Kulturen, die Frage nach der eigenen Identität und mittendrin eine Liebe, die vergeblich versucht, die steinige, jahrhundertealte Kluft von Tradition, Glauben und Ehrgefühl zu überwinden. Genau das waren meine zugegebenermaßen hohen Erwartungen an "Halva, meine Süße", dessen Titel schon auf zweideutige Weise Wunderbares erahnen und aufgrund des Klappentext eine indirekte Reise in die familiären Weltanschauungen und Verhältnisse des Irans vermuten lässt.

Ellen Alpsten führt ihre Leser mit einem schleichten, ungeschmücktem und Jugendbuch-gerechtem Schreibstil in Halvas und Kais Alltagsleben ein. Komplizierte Satzgefüge oder aufwendig gestaltete, mit Stilmitteln behaftete Verzierungen werden hier vergeblich gesucht, was für mich kein Störfaktor darstellte, sondern vielmehr auf angebrachte Weise das Alter der beiden Protagonisten untermalte. Während mir dieser eigentlich ungezwungen und natürlich wirkende Schreibstil zunächst noch zusagte, machte er auf den ersten 20 Seiten zunehmend einen etwas abgehackten, staccato ähnlichen Eindruck auf mich. So mancher Satz schien etwas lieblos und unbedacht gesetzt, die Erzählstruktur etwas zu schlicht und ungeschmückt, was mir den Anstieg in die Geschichte um einiges erschwerte.
Jedoch änderte sich dies mit der wachsenden Anzahl der umgeblätterten Seiten und nach und nach konnte mich Ellen Alpsten mit dieser ungezwungenen und natürlichen Erzählweise, die sehr gut zu den Protagonisten Kai und Halva, aus deren Perspektiven in der Gestalt eines personalen Erzählers abwechselnd berichtet wird, passte, nicht nur überzeugen, sondern überraschte mich hin und wieder sogar mit wunderschön gewählten, teilweise malerischen Be- und Umschreibungen, die Kais oder Halvas Gedanken- und Gefühlsregungen bis in mein Leserherz transportieren konnten. Dieser realistische und schlichte Schreibstil gepaart mit gefühlvollen Ausführungen lässt einen ungehinderten Lesefluss entstehen, der sich nach einem holprigen Anfang durch das gesamte Buch hinweg durchzieht.

Gleich zu Beginn wird der Leser in eine Art Zeitrückblende geworfen und bekommt nicht nur einen erstmaligen, eindrucksvollen Einblick in die Atmosphäre des Irans, sondern bringt als stiller Beobachter auch Dinge in Erfahrung, die den Protagonisten zunächst selbst während des Handlungsverlaufes lange verborgen bleiben. Die Tatsache, dass der Leser zunächst sowohl Halva als auch Kai in dieser Hinsicht um einiges voraus ist, ist für den Spannungsbogen - wie man möglicherweise vermuten würde - nicht von Nachteil. Im Gegenteil, mit dieser schrecklichen Vorahnung, von der man von den ersten Seiten an geplagt ist, ist man als Leser dazu gezwungen, zu beobachten, wie die zunächst noch ahnungslosen Protagonisten aus zwei völlig andersartigen, abweichenden Kulturen mit einem Lächeln auf dem Gesicht und Schmetterlingen im Bauch geradewegs auf ihr hoffnungsloses und zwiegespaltenes Unglück zusteuern.

Dennoch bleibt auch dem Leser im Laufe der Handlung so einiges verborgen, sodass dieser erst nach und nach Geheimnisse der Familie Mansouri lüftet, Spekulationen und Vermutungen verwerfen muss, Intrigen aufdeckt und schließlich die Fassade eines so manchen Nebencharakters durchblickt, um somit sein Bild von "Gut" und "Böse" völlig neu zu ordnen- Wobei das nicht ganz stimmt, denn Ellen Alpsten vollbringt in "Halva, meine Süße" etwas, was nur sehr wenige Autoren von sich behaupten können, von denen ich jedoch wünschte, sie wären reicher an Zahl: Denn "gute" und "böse" Charaktere gibt es in "Halva, meine Süße" schlicht und einfach nicht.
Ellen Alpsten hat keine Charaktere geschaffen, in die in Schwarz-Weiß-Konturen gehalten sind, konstruiert und gesteuert wirken. Ganz im Gegenteil, vielmehr trifft man als Leser dieses Werkes auf Charaktere, die aufgrund ihres bisherigen Lebensweges, der sich dem Lesenden nach und nach ein klein wenig offenbaren mag, und ihren Erfahrungen in ihrer Lebenseinstellung, ihren Anschauungen und Gefühlen geprägt und teilweise sogar gebrandmarkt wurden. Charaktere, die ihre Handlungen nicht aufgrund eines von dem Schrifsteller angehefteten Titels "Bösewicht" oder sonstigen Typisierungen vollziehen, sondern ebenso menschlich, nachvollziehbar, fehlerhaft, naiv und böse handeln wie wir selbst. Kurzum: Charaktere mit vielen, vielen Schattierungen und Facetten, die Dinge tun, für die man sich als mitleidenden Leser kurzerhand verwünschen und doch ein wenig verstehen könnte, gleichgültig ob Halvas Tante Miryam, Raya, Cyrus, Mudi, Kais Vater oder wer auch immer. Allesamt konnten sie mich in ihrer Ausarbeitung, Darstellung und Handlungsweise vollends überzeugen.

Einzig und allein eine Tatsachte verursachte meinem durchweg positiven Bild der Charaktere gleich zu Anfang einen Bruch. Noch dazu dies in einem für mich bei einem liebesgetränktem Jugendbuch elementaren Punkt: Die Liebesgeschichte zwischen Kai und Halva, oder vielmehr: Ihr Beginn. Halvas und Kais Gefühle entwickelten sich für meinen Geschmack einfach in einem rasendem, viel zu eiligem Tempo. Nicht nur, dass es sich bei ihrem Kennenlernen auf eine sofortige gegenseitige Faszination beschränkte, nein, denn der Aspekt "Liebe auf den ersten Blick" wird hier definitiv zu stark für mich verfolgt. Ein wenig Zurückhaltung und Zügelung hätte es meiner Ansicht nach bedurft, um damit meine ansonsten rein positive Meinung zu der Liebesgeschichte zwischen den beiden zu perfektionieren, denn ansonsten lässt sich Halvas und Kais Beziehung nur so beschreiben: Mitreißend, herzschmerz-quälend, sehnsuchtsvoll, intensiv und hoffnungslos.

Eben diese Gefühlsregungen, die beim Leser im Laufe der knapp 350 Seiten ausgelöst werden und ständig zwischen Hoffnungslosigkeit, Sehnsucht, Schmetterlingsflattern und Herzklopfen schwanken, setzen sich bis zum Ende hin zu einer Art atmosphärisch begleitenden Grundstimmung durch. Während man als Leser Kai und Halvas innerlichen Kämpfe, ihrer Gefühlsunterdrückung in dem zerreißendem Zwiespalt, in dem sich vor allem Halva befindet, beobachtet, entwischt einem als Leser immer wieder ein mitfühlendes Seufzen.
Trotz dessen aber schafft es Ellen Alpsten durch die zuvor bereits erwähnte Charakterzeichnung, dass man als Leser zwar über jedes Hindernis, das Halvas und Kais Liebe in den Weg gelegt wird, gequält seufzt, jedoch weder Kais voruteilenden Vater, Halvas Eltern, ihren Bruder Mudi, noch die fest in Halvas Familie haftenden, grundverschiedenen Traditionen oder das Ehrgefühl der Familie gegenüber iherer Heimat, dem Iran, in dem noch immer ihre Herzen zu wohnen scheinen, zu verurteilt. In einem Strudel aus Verantwortungsgefühl, Ehre und Liebe verstricken sich die Protagonisten in einem Gewirr, das ebenso hoffnungslos erscheint, wie es die Grundstimmung des Buches von vornherein ausdrück, sodass man als stiller, hilfloser Beobachter die Charaktere auf eine innere Achterbahnfahrt der Gefühle begleitet, die ihn zwar emotional mitnimmt, aber dennoch dazu drängt, Seite um Seite umzublättern und sich erneut der schwindelerregenden Achterbahnfahrt zu stellen.
Mit mitfühlendem, bedauerndem Gesichtsausdruck beobachtet man schließlich als Leser die ganze Zeit hindurch Halvas und Kais Kampf um eine Liebe, die unaufhörlich eine noch größere Distanz als die zwischen Halvas und Kais Heimatländern zu überwinden versucht, und von der man bis zur letzten Seite hofft, dass sie als Sieger das Feld verlassen wird.


"Unwillkürlich musste Halva an ihre Großmutter denken, die bei ihrem Abschied all ihre Gefühle in die Halva gelegt hatte.
Lakritz: So schwart wie meine Stimmung, wenn ich daran denke, dass ihr geht, aber so glänzend wie deine Zukunft in dem fremden Land. So bitter wie meine Tränen bei unserem Abschied, aber süß wie meine Hoffnung für dich."
 
("Halva, meine Süße"/Ellen Alpsten/Seite107)

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"Halva, meine Süße" konnte meine hoch angesetzten Erwartungen bis in den letzten Winkel erfüllen und mich trotz kleiner Anfangsschwierigkeiten auf eine intensive, wechselhafte Gefühlsreise mitnehmen, die von Verantwortungsgefühl, Ehre, Familie, Freundschaft, Liebe und Tradition erzählt, und mich nach der letzten Seite mit einem sehnsuchtsvollem Seufzen, der Hoffnung auf das baldige Erscheinen einer (hoffentlich geplanten) Fortsetzung und dem Appetit darauf, das iranische Süßgebäck namens Halva unbedingt einmal auszuprobieren, zurücklassen.







Herzlichen Dank an den Coppenrath-Verlag für die freundliche Bereitstellung dieses tollen Rezensionsexemplars!
 
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Kommentare:

Elif hat gesagt…

Jetzt hast du mich wirklich neugierig gemacht. Ich glaube, das Buch werde ich auch mal lesen müssen, zumal viel Identifikationspotential vorhanden zu sein scheint. :]

captain cow hat gesagt…

Ich bin jetzt auch neugierig geworden. Das Buch habe ich ein paar mal schon im Laden gesehen und vor allem das Cover fand ich wahnsinnig ansprechend. Allerdings war ich doch etwas skeptisch weil besonders diese Bücher mit Themen wie Immigration und das Zusammentreffen zweier Kulturen so leicht daneben gehen können. Ich erinnere mich da nur an "herbstattacke" welches mich gar nicht begeistern konnte weil es zu Klischelastig war und für seinen kleinen Umfang viel zu viele Themen behandelt hat. Bis auf das Instant Love Problem scheint dieser Roman aber gar nicht so zu sein. Ich werde ihn einfach mal in Gedanken behalten. Vielen dank für diese aufschlussreiche und schöne Rezension :)

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