"Ich fürchte mich nicht"- Tahereh Mafi

Montag, 23. Juli 2012


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»Du darfst mich nicht anfassen’, flüstere ich. Bitte fass mich an, möchte ich in Wahrheit sagen. Aber wenn man mich anfasst, geschieht Seltsames. Schlimmes.«

Ihr Leben lang war Juliette einsam, eine Ausgestoßene – ein Monster. Ihre Berührung ist tödlich, man fürchtet sie, hat sie weggesperrt. Bis die Machthaber einer fast zerstörten Welt sich ihrer als Waffe bedienen möchten. Doch Juliette beschließt zu kämpfen – gegen die, die sie gefangen halten, gegen sich selbst, das Dunkel in ihr. An ihrer Seite ein Mann, zu dem sie sich unaufhaltsam hingezogen fühlt. Ihn zu berühren ist ihr sehnlichster Wunsch – und ihre größte Furcht ...

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"Ich denke immer wieder über Regentropfen nach.
Sie fallen vom Himmel, stolpern über ihre Füße, brechen sich die Beine, vergessen ihre Fallschirme, wenn sie heruntertaumeln, einem ungewissen Ende entgegen.
Als entleere jemand seine Taschen über der Erde. Dem es egal ist, dass sie zerspringen, wenn sie den Boden erreichen, dass Menschen die Tage verwünschen, an denen die Tropfen so dreist sind, an ihre Tür zu klopfen.
Ich bin ein Regentropfen."
("Ich fürchte mich nicht", Seite 13)


Mit einem sehr außergewöhnlichen Schreibstil führt Tahereh Mafi ihre Leser in eine Geschichte ein, der sie durch eine ebenso einzigartige Ausdrucksweise Leben einhaucht. Ihr Schreibstil ist gekennzeichnet von vielen aneinandergereihten, kurzen und teilweise abgehackten Hauptsätzen, die gelegentlich- jedoch selten-, ohne Satzzeichen beendet werden. Dabei wird zu bestimmten Hilfsmitteln gegriffen, um Beschreibungen noch mehr Aussagekraft zu verleihen: Sätze werden ungewöhnlich formatiert, um wichtige Worte hervorzuheben, indem sie alleine in einer Zeile stehen, anstelle eines "und" bzw. "oders" treten oft Querstriche auf und viele Aussagen werden durchgestrichen, was jedoch noch dazu eine ganz bestimmte andere
Ursache hat, der man als Leser schnell auf den Grund kommt. Ebenso treten häufig unvollständige Sätze auf, in denen das Subjekt gezielt ausgelassen wurde. Dieser kurzangebunde Stil verbindet Tahereh Mafi noch dazu mit überraschenden Elementen, indem sie dem Leser mit treffenden, beinahe schon metaphorischen Beschreibungen und einer sehr bildlichen, expressiven und daraus resultierenden gefühlvollen Sprache, die von Vergleichen und anderen Stilmitteln geprägt ist, ein Lächeln auf das Gesicht zaubert. Folglich benötigt man Zeit, sich an diese ungewöhnliche Mischung der Erzählweise zu gewöhnen und anzupassen, was zu meiner Überraschung im Handumdrehen bei mir der Fall war. Aber nicht nur das, denn dieser einzigartige, ausgefallene Stil gewann von Seite zu Seite eine zunehmend effektvollere Wirkung, indem er es schaffte, mit wenigen Worten eindrucksvolle Bilder vor dem inneren Leseauge enstehen zu lassen und die Gefühle der Protagonistin und Ich-Erzählerin, Juliette, wirkungsvoll und glaubwürdig zu transportieren.

Ganz besonders beeindruckend empfand ich die Art und Weise, wie Frau Mafi geschickt und raffiniert Juliettes Entwicklung im Laufe der Geschichte noch dazu sprachlich unbemerkt untermauert und somit verstärkt: Während die ersten Kapiteln nur so vor abgehackten, teilweise zusammenhangslossen Gedankengängen strotzen, scheinen sich zusammen mit Juliettes innerlicher charakterlichen Veränderung auch ihre Erzählweise gegen Ende hin drastisch zu verändern, indem an deren Stelle zunehmend fließendere, zusammenhängendere Sätze treten.
Die geradezu einschneidende Bilder, welche meist durch Metaphern in der Vorstellungskraft des Lesers erzeugt werden, führen außerdem dazu, dass es außerordentlich leicht fällt, sich in Juliettes Innenleben hineinzufühlen und ihre Gedanken, Erfahrungen und Beweggründe nachzuvollziehen. Schnell gelingt es, hinter ihre anfangs noch unnahbare Fassade zu blicken und bald schon war sie mir durchweg sympathisch. Ihr Selbstzweifel, Fehlerhaftigkeit und Wortwitz lassen sie zu einer angenehmen Protagonistin heranwachsen, deren Erzählungen ich äußerst gerne und meist auch begierig "lauschte".

Durch die Ich-Erzählperspektive sieht der Leser alle Geschehnisse, Situationen mit Juliettes Augen, was unweigerlich und verständlicherweise dazu führt, dass andere Charaktere auf subjetkive Weise durch ihre Sichtweise vernebelt werden. Nichtsdestotrotz konnte ich sogar Sympathie zu der ein oder anderen Figur aufbauen, gegenüber welcher Juliette ganz gegenteilige Gefühle hegt. Ein positives Zeichen, denn dies zeigt, dass sich die Charaktere für mich trotz eher subjektiver Erzählweise objektiv beurteilen ließen.
Ganz besonders hohe Sympathiepunkte konnte bei mir Adam sammeln, der ebenso wie Juliette durch seine Menschlichkeit und ausgefeilten Charakter punkten konnte. Obgleich er mir zu anfangs noch recht unnahbar und schlecht einschätzbar erschien, legte sich das gegen Mitte des Buches schnell und war zu Ende hin schließlich völlig verflogen.
Dennoch ist die Zahl besagter Nebencharaktere, die namentlich genannt werden und kleine Rollen im Laufe der Geschichte übernehmen, eher gering und vielleicht sogar an zwei Händen abzählbar. Viele davon bleiben eher blass und flach, da spärliche Informationen oder Auftritte verhindern, dass sie in den Vordergrund rücken. Dies empfand ich aber nicht als störend, da die Handlung selbst meist so schnell voranschreitet, dass Juliette kaum auf andere Nebencharaktere trifft, die weiter für den Handlungsverlauf hätten ausgebaut werden müssen.

Eben diese Handlung an sich, bei der ein Ereignis meist das nächste jagt und kaum Zeit für eine Verschnaufpause bleibt, konnte mich trotz unspektakulärer Idee völlig in einen Lesesog ziehen. Tatsächlich
ist dieses Buch meiner Meinung nach ein wahrer Pageturner, der dem Leser keine andere Wahl lässt, als gierig jede Seite, jeden Satz und jedes Wort zu verschlingen. Überraschenderweise jedoch überzeugen weder die Handlungsvorgänge an sich, noch die Grundidee wirklich durch Originalität, denn bekannte Ansätze treten vor allem die letzten Kapitel auf. Eine Mischung aus Dystopie und leichten, wenn man so will, Fantasyelementen bietet sich einem dar, die nicht wirklich neue oder einzigartige Züge zu bieten hat. Auch die von Tahereh Mafis geschaffene dystopische Zukunftsgesellschaft wird nur in geringen Ansätzen beschrieben. Wenige Informationen werden dem Leser über die Lage der Welt und Gesellschaft geliefert, lediglich wenige Brocken und Namen wie "Reestablishment" zugeworfen. Nur nach und nach erhascht man immer mehr Einblicke in das Leben der Menschen und den Hauch einer Ahnung davon, was sich in der Vergangenheit dieser zukünftigen Welt zugetragen haben muss. Besonders gestört hat mich diese Tatsache allerdings nicht, denn in Anbetracht dessen, dass Juliette eine lange Zeit selbst isoliert von ihrer Außenwelt war und somit beinahe ebenso umwissend, was die Lage der Umwelt betrifft, wie der Leser zu sein scheint, empfand ich diese spärliche Informationslage sogar als ziemlich passend.
Einzig und allein das Ende und die letzten Kapitel stellten in meinen Augen eine kleine Enttäuschung dar. Ich hatte mit einer etwas, wie gesagt, originelleren "Auflösung" bzw. Überleitung für den nächsten Band gerechnet, denn unweigerlich schleicht sich am Ende der Gedanke "... das kenne ich doch irgendwoher?" ein. In der Tat scheint "Ich fürchte mich nicht" weniger eine Dystopie, sondern vielmehr eine mit Fantasyelementen gepaarte, aber zugegebenermaßen wundervolle und überzeugende Liebesgeschichte zu sein.


"Ich weiß jetzt nur, dass die Wissenschaftler sich irren.
Die Erde ist eine Scheibe.
Das weiß ich, weil ich vom Rand gestoßen wurde, und seit 17 Jahren versuche mich daran festzuhalten.
Seit 17 Jahren versuche ich wieder auf die Scheibe zu klettern, aber man kann die Schwerkraft nicht bezwingen, wenn niemand einem die Hand reicht.
Wenn niemand es wagt, einen zu berühren."
("Ich fürchte mich nicht", Seite 31)


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Eine kleine Brise Dystopie, (die in den Folgebänden hoffentlich noch etwas weiter ausgebaut wird) eine Portion weniger aber dennoch vage bekannter Fantasyelemente, gepaart mit einer berührenden, mitreißenden Liebesgeschichte, eingebettet in einem außergewöhnlichem, untypischen aber sehr passendem Schreibstil ergeben einen wahren Pageturner, dessen Fortsetzungen sehnlichst erwartet werden. Eine klare Leseempfehlung!


Vielen Dank an den Goldmann-Verlag für dieses tolle Rezensionsexemplar.

Kommentare:

Sophia hat gesagt…

Eine tolle Rezension, der ich so zustimmen kann. "Ich fürchte mich nicht" hat auch mir wirklich gut gefallen, besonders den einzigartigen Schreibstil der Autorin mochte ich sehr. Ich freue mich sehr auf Band 2 :-)

Livi hat gesagt…

@ Sophia: Vielen Dank. :) Schön zu hören, dass dir die Geschichte ebenso gefallen hat. Band 2 erwarte ich auch schon gespannt, das Ende von Band 1 war nicht gerade zufriedenstellend... :D

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