"Der Sommer der silbernen Wellen" - Amanda Howells

Freitag, 27. Juli 2012


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>>Manchmal erwache ich fröstelnd in den frühen Morgenstunden, gefangen in Träumen, in denen ich draußen im Ozean schwimme, hinauf zum Mond blicke und mich unsichtbar und frei fühle wie ein Fisch.
Doch ich greife vor. Um diese Geschichte richtig zu erzählen, muss ich ganz zurück an den Anfang gehen. An einen Ort namens Indigo Beach. Zu einem Jungen mit blasser Haut, die in den dunklen Wellen schimmerte. Zu dem Beginn von etwas, das keiner von uns voraussehen konnte, das uns immer prägte und wodurch alles, was hinterher und vorher geschah, zu einem anderen Leben zu gehören schien...
Ich war sechzehn, und ich erinnere mich an alles.<<

Die sechzehnjährige Mia fährt mi ihrer Familie in den Sommerurlaub. Weil ihre gleichaltrigen Cousinen Beth und Corinne alles haben, was Mia nicht hat - Modelfiguren, Luxusklamotten und coole Freunde -, fühlt sie sich unwohl und fehl am Platz. Doch als sie bei einem nächtlichen Strandspaziergang den schweigsamen Simon trifft, ändert sich alles.
Die beiden sehen sich immer nachts am Strand, und dort, in der Dunkelheit, kann Mia endlich sie selbst sein und sie vertraut Simon ihre Gedanken und Ängste an...
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" >>Kannst du dir vorstellen, wie dieser Strand früher einmal war?<<
Er schüttelte den Kopf, ganz versunken in seine Phantasie von dem idyllischen, unbefleckten
Paradies, das Southhampton vor langer Zeit gewesen sein musste.
>>Ich kann es mir nur schwer vorstellen.<<
Das war gelogen. Schon oft hatte ich mir die Küste ohne Häuser ausgemalt.
>>Versuch's doch noch mal.<<, erwiderte Simon fröhlich.
>>Nein, ich bin Realistin<<, entgegnete ich dickköpfig.
>>Keine Romantikerin. Romantische Menschen werden immer nur enttäuscht.<<
>>Vielleicht deswegen, weil sie immer nur von Realisten umgeben sind.<<, konterte Simon. "
("Der Sommer der silbernen Wellen", Seite 135)


Eine sonnengleiche, süße Sommergeschichte mit einem Hauch Tiefgang und großem Unterhaltungswert.- Das waren meine Erwartungen, nachdem ich den Klappentext von "Der Sommer der silbernen Wellen" neugierig gelesen hatte. Kurz gesagt etwas locker Leichtes, das nicht zu sehr beschwert, aber dennoch mit keinesfalls oberfächlichen Gedanken einen Sommerabend oder mehrere versüßen könnte.
Nun, nachdem auch die letzte Seite dieses Schmökers zugeschlagen ist, sitze ich dieser Geschichte mit durch und durch gemischten Gefühlen gegenüber, denn "Der Sommer der silbernen Wellen" ist eindeutig nicht das, was es zu sein scheint.

Zunächst einmal wurde ich von der Erzählstruktur überrascht. Der Klappentext setzte in mir irgendwie die Vorstellung fest, dass wir es hier mit einer bereits erwachsenen Frau zu tun hätten, die sich nun an ihre Jugend oder genauer einen Lebensabschnitt während ihres sechzehnten Lebensjahres zurückerinnern würde. Pustekuchen. Der Leser wird sofort im ersten Kapitel mit auf die Reise einer sechzehnjährigen Mia genommen, was beinahe das gesamte Buch hinweg unverändert so bleibt. Lediglich am Ende des Buches stellt sich heraus, dass der Leser den Erzählungen einer noch immer jungen Mia gelauscht hat.

Dementsprechend gestaltet sich auch Mias Erzählstil, denn die Protagonistin legt als Ich-Erzählerin einen recht umgangssprachlichen, natürlichen Erzählton an den Tag, den ich nicht nur als angemessen, sondern auch als angenehm empfand. Nichtsdestotrotz überrascht Amanda Howells immer wieder mit schönen Be- oder Umschreibungen, die trotz der Schlichtheils ihres Schreibstils sehr gelungen und manches Mal sogar berührend sind.

Mia selbst erschien mir besonders zu Anfang ziemlich kindlich, etwas unreif und vor allem ein wenig nervig. Ungefähr die ersten 80 Seiten sind gekennzeichnet von Mias Jammertriaden darüber, mit welch wunderschönen und zaubergleichem Aussehen doch ihre beiden Cousinen Corinne und Beth, bei denen sie zusammen mit ihrer Familie den Urlaub verbringen würde, im Gegensatz zu ihr beglückt worden waren. Nicht zu vergessen ihre nervende kleine Schwester Eva, die ebenfalls wie Mutter und Tante eine Schönheit darstellte.
Immer und immer wieder wird betont, wie sehr sich doch ihre Cousine Corinne, mit der sie in ihrer Kindheit "ein Herz und eine Seele" - eine Bezeichnung, die sich auch des Öfteren wiederholt - gewesen war, verändert hatte. Mia zerbricht sich förmlich den Kopf darüber, was diese Veränderung an ihrer Cousine vorbei geführt hätte. Noch dazu stellt Mia die ganze Zeit über die "Reichen", zu denen wohl die Familie ihrer Tante zählten, der "ärmeren Bevölkerung" oder den "Neureichen" gegenüber. Hatte ich dies zu Beginn noch als nicht weiter störend empfunden, wurden Mias Gedanken, die sich immer wieder um diese Themen drehten, nach einer Weile etwas anstrengend.

Gerade als ich glaubte, dieses Buch dermaßen falsch eingeschätzt zu haben, schlich sich unbemerkt und leise eine Veränderung herbei. Nach den ersten hundert Seiten machten Mias wiederholenden Gedankengänge zunehmd Tiefsinnigeren Platz und ich hatte endlich das Gefühl, die Geschichte und Handlung würde nun ins Rollen kommen.
Corinne, die mir anfangs noch sehr flach und matt erschien, nahm allmählich realistische Charakterzüge an. Auch Mias Mutter Maxine oder ihre Tante, die ebenfalls eine nicht unbedeutende Rolle spielt, werden zu Mitte des Buches greifbarer, sodass es mir schließlich doch gelingen konnte, vollkommen in die Handlung einzusinken, die teilweise eine Familiengeschichte, teilweise eine Sommerlektüre, aber vor allem Eines darstellt: Eine Liebesgeschichte.

" Ich schloss die Augen und atmete tief ein, um den Moment zu verlängern, als sei die Zeit
tatsächlich ein elastisches Band, an dem man ziehen konnte, um es auszudehnen. Ein Stich fuhr mir durchs Herz, weil sogar in solchen Augenblicken ein Teil von mir bereits traurig ist - der
Teil, der weiß, dass der Moment sich bereits seinem Ende zuneigt,
weil nichts wahrhaft Perfektes von Dauer sein kann."
("Der Sommer der silbernen Wellen", Seite 237)


Und zwar eine Liebesgeschichte, die es in sich hat.
Ruhig schreitet Handlung zwar weiter, wird aber von wundervollen Dialogen und Szenen zwischen Mia und Simon untermauert. Als stiller Beobachter spaziert man als Leser neben Mia und Simon am Indigo Beach entlang, beobachtet zusammen mit ihnen den Sternenhimmel und lauscht Mias Gedanken über astronomische oder geographische Fakten und den Aussagen von Simon, der im Gegenzug zu Mia ein weniger auf Tatsachen ausgerichteter und eher verträumter Mensch ist.
Tatsächlich waren es vor allem ihre Wortwechsel, die mir beinahe am besten gefallen haben. Sie diskutieren tiefsinnige Gedanken und vertrauen sich noch nie ausgesprochene Vermutungen und Träume im Stillen an. In einem nachvollziehbaren Tempo reift schließlich nach und nach eine zarte Liebe zwischen den beiden heran, während man als Leser selbst ein Stück seines Herzens an Simon verschenkt.
Das Ende tritt schließlich unerwartet, überraschend, gnadenlos und schockierend ein. Rein rational betrachtet ein Pluspunkt, für mein Leserherz aber ziemlich erschütternd. Nichtsdestotrotz muss ich wohl zugeben, dass es sich um ein sehr gelungenes, zwar hartes aber realistisches Ende handelt, bei dem vor allem Mias Veränderung, Weiterentwicklung und ihre herangereiften Gedanken über das Leben selbst wunderschön zu lesen sind. Ein Ende, das einen bitteren, meeressalzigen aber dennoch süßen Nachgeschmack hinterlässt.

"Ein Risiko eingehen... das war der einzige Weg zu etwas Bedeutsamem.
Das größte Risiko bestand darin, keinerlei Risiko einzugehen.
Das erkannte ich allmählich in vielerlei Hinsicht: Wenn man sein Licht zu lange in sich verbarg,
bestand die Gefahr, dass es ganz ausging."
("Der Sommer der silbernen Wellen", Seite 303)


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"Der Sommer der silbernen Wellen" ist eine bittersüße Sommergeschichte der etwas anderen Art. Trotz anfänglicher Mängel entwickelt sich eine leichte, aber dennoch tiefgründige und wunderbare Liebesgeschichte, die es dem Leser ermöglicht, Mia und Simon bei nächtlichen Bade- und Spaziergängen am Indigo Beach zu begleiten und nachdenklichen, verträumten Gesprächen unter dem Sternenhimmel zu lauschen.
Eine Empfehlung für alle, die nach einer tiefsinnigeren Sommerlektüre Ausschau halten, die nicht nur unterhaltet, sondern auch berührt.


Herzlichen Dank an den FJB-Verlag für die freundliche Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars!

Kommentare:

Bookaddicted.de hat gesagt…

Hmmm, schöne Rezi. Das Buch steht auf meiner WL, aber ich bin noch nicht so sicher. Gerade wenn du schreibst, dass die ersten 100 Seiten BLABLA sind, weil sowas kann ich auf den Tod nicht ab :-(

Ach übrigens: Ich fände es gut, wenn man bei dir auch mit Name+URL kommentieren könnte und nicht immer sein Google-Konto etc. pp. nehmen müsste, weil dafür muss ich mich immer umloggen.

Egoliquida hat gesagt…

Hm, sehr schöne Rezension. Ich hatte schon bei Goodreads gelesen, dass es eher tiefsinnig sein würde.
Aber danke, dass du mich vor den etwas öderen Einstieg gewarnt hast, dann kann ich meine Erwartungen etwas herunterschrauben. :)

Schokokeksii hat gesagt…

Du wurdest getaggt! Und zwar von mir ;)
http://herzensgeschichten.blogspot.de/2012/07/ich-wurde-getaggt-herzbuch.html

Liebe Grüße!

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