"In Frühlingsnächten"- Jetta Carleton

Dienstag, 1. Mai 2012


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Allen Liles, Mitte zwanzig, träumt von New York, vom Theater, von der Musik, vom Schreiben. Stattdessen beginnt sie an einem College in der tiefsten Provinz zu unterrichten, wie ihre Mutter und ihre Großmutter.
Dort öffnet sie ihren Studenten ein Tor zur Welt, sie treffen sich in Bars und Cafés, diskutieren über Literatur, Philosophie, das Leben, bis spät in die Nacht.
Als Allen sich in einen der Studenten verliebt, erkennt sie Grenzen, die sie lange ignoriert hat. Sie muss sich entscheiden, wofür es sich zu kämpfen lohnt und was ihr die Freiheit wert ist.
Quelle: amazon.de
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"Aber wie viel Echtheit wünschen wir uns denn eigentlich in einem Märchen oder Melodram?
Nicht viel, würde ich sagen.
Gerade die Aufhebung der Wirklichkeit, des wahren Lebens, ermöglicht es uns, einen Moment lang in einer idealen Welt zu verweilen, in der Stürme gefahrlos beherrscht werden und alles gut ausgeht."
("In Frühlingsnächten", Seite 203)


Dieses Buch entführt. Es entführt an einen anderen Ort, zu einer Zeit, in der andere Umstände herrschten: Ins ferne Missouri der Vierzigerjahren. Der Krieg wütet bereits in Europa und mit Argwohn werden von den Bewohnern Amerikas die Nachrichten verfolgt, stets mit einem seufzenden Blick quittierend, einer abtuenden Kopfbewegung und der Hoffnung, auf die Worte des Präsidenten vertrauen zu können, nicht um alle Söhne, Väter und somit potenzielle Soldaten bangen zu müssen. Der Krieg scheint in ihren Köpfen noch weit entfernt.

Und irgendwo dazwischen findet sich Allen Liles, eine junge Lehrerin, die trotz aller Träume, Hoffnungen und Idealen durch ihren Job beispielhaft dem Vorbild der Frauen aus vorangegangener Generation folgt. Als Leser nimmt man eine zentrale Stellung als Beobachter in Allens Leben ein, durchlebt zusammen Seite an Seite mit ihr ihren Alltag in ihrer neuen Anstellung am College und reist nach und nach in eine Zeit, die von Jetta Carleton wundervoll und einerseits erschreckend beschrieben wird: Niemand scheint zu diesem Zeitpunkt wirklich zu glauben, das die Reichweite des Krieges auch bald Amerika übermannen wird. In ihren eigenen, kleinen Welten streben sie nach ihren Vorstellungen, versuchen als Professoren ihrer Arbeit gerecht zu werden und all die richtigen Charakterzüge und Wertvorstellungen, von denen sie überzeugt sind, an ihre Studenten weiterzugeben, in deren Hände die weitere Zukunft liegt.
Tatsächlich hatte ich das Gefühl, in die Mauern des Colleges zu schlüpfen und all die Professoren und Studenten durch Allen Miles Schilderungen selbst kennezulernen. Egal ob es der zerstreute Dr. Ansel, die beliebte Maxine oder die scheinbar boshafte Mrs Medgar war - Mir wurde stets das Gefühl vermittelt, dass es sich dabei um eine reale Geschichte, mit ebenso wirklichen, vor einiger Zeit unter uns lebenden Charakteren handle, die Jetta Carleton dort auf solch lebensnahe Weise mit einfachen Worten erzählte. Alle schienen sie durch ihren Charakter das Leben am College zu prägen, zu einem Gesamtbild zu formen und jeder Einzelne von ihnen wuchs mir - ebenso wie Allen selbst - mit der Zeit ans Herz. Ihre Charakterfehler, ihr Solz, ihre gelgentliche Feigheit oder Unüberlegtkeit, all das machte sie unheimlich sympathisch, menschlich und ließ sie in meiner Vorstellungen zu Personen heranwachsen, denen man tatsächlich im Alltag bzw. im eigenen Leben begegnen konnte.

Von Allen selbst erhält der Leser natürlich die meisten Einblicke: Blindlings scheint man zuzusehen, wie sie langsam in ihr Verderben läuft - oder auch nicht? Schließlich ließ es sich nicht so einfach s
agen, ob sie mit ihren Handlungen wirklich schändliche Fehler beging, denn so verspürt man als Leser dieselben Gefühle, die auch in ihr zu sprudeln beginnen, sobald sie anfängt, Zeit mit jenen beiden Studenten, George und Toby, zu verbringen, die eine erhebliche Rolle in der Handlung spielen. Auch diese beiden überzeugen durch unglaubliche Vielseitigkeit und Menschlichkeit. Sie scheinen reale Personen, ebenso prall gefüllt mit Hoffnungen, Ängsten, Prägungen und allem sonst, was die menschliche Psyche in ihren Abgrün
den bereithält. So beispielsweise überraschen sie das ein oder andere Mal durch eine unerwartete Reaktion oder Tat, die man als Leser nicht vermutet hätte und somit gezwungen wird, ein neues Bild von deren Charakter anzuschaffen, vorherige Einschätzugen zu revidieren und sich immer wieder erneut von ihrem Facettenreichtum beeindrucken zu lassen.

Überhaupt gehört "In Frühlingsnächten" zu all jenen Büchern, bei denen man sich einfach treiben lassen muss, nichts anderes tun oder vorhersehen kann, bevor man nicht das letzte Wort aus Allen Liles bzw. Jetta Carletons Erzählung gelauscht hat. Die Autorin versteht es nämlich wirklich, mit harmlosen Worten in den Bann zu ziehen: Mit metaphorischen, umschmückenden und reich mit Vergleichen gefüllten Umschreibungen schafft sie einen solch emotionalen, aber dennoch schlichten Stil, dass die gesamte Gesch
ichte über eine leichte melancholische Stimmung auf mich übergriff. Auf nostalgische Weise erreicht sie es, Orte, Situationen, Gefühle und Atmosphären greifbar in Worte zu hüllen, die manchmal voller Lebensweiseheiten stecken. Tatsächlich halte ich sie für eine wahre Künstlerin ihres Handwerks, dem Erzählen. Demzufolge fühlte ich mich beinahe die ganze Zeit über ins Geschehen hineinmanövriert, hatte das Gefühl, zusammen mit Allen, George und Toby durch die Straßen der Stadt zu schlendern, mit Leichtigkeit erfüllt zu sein und ebenso ihre Träume als die meine aufzufassen. Immer wieder musste ich mich demnach fragen: Hatte sich das Jetta Carleton wirklich alles aus den Fingern gesaugt? Waren diese Charaktere tatsächlich lediglich ihren Gedanken und ihrer bloßen Phantasie entsprungen? Unmöglich. Oder erstaunlich.
Ledglich im Mitte des Buches hätte ich mir so manches Mal etwas ausführlichere Szenen gewunschen. Gerade die Szenen zusammen mit George und Toby schienen mir so bedeutungsschwer für den weiteren Handlungsverlauf, das diesen meiner Meinung nach noch mehr Ausführlichkeit geschenkt hätte werden können, aber das scheint auch mein einziger, kleiner Kritikpunt zu sein.
Das Ende nämlich gehört zu all den Enden, die einen zufrieden und mit einem leichten, umspielenden Lächeln auf den Lippen zurücklassen und mit ein wenig Wehmut darüber, dass diese Geschichte so schnell ihr Ende gefunden hatte.


" >>Wir richten uns nach den Umständen<<, sagte er, >>auf die eine oder andere Weise.
Und das war gut so. Aber da war immer noch der "unbegangene Weg" - <<
Er sah sie kurz über die Schulter an. >>Robert Frost, nicht wahr? Ja. Und wahrscheinlich fragen wir uns bis an unser Lebensende, was am Ende des anderen Weges lag.<<"
("In Frühlingsnächten", Seite 278)


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Eine nachdenkliche Geschichte über Träume, Hoffnungen, Menschlichkeit und Hingabe, wie sie das Leben selbst nicht hätte schöner erzählen können und die dennoch so lebensecht wirkt, dass man das Gefühl hat, den Charakteren tatsächlich und wahrhaft begegnet zu sein.



Vielen Dank an den Kiwi-Verlag für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

1 Kommentar:

Sophia hat gesagt…

Eine tolle Rezension mal wieder :-) Für mich wäre "In Frühlingsnächten" zwar nichts, es ist nicht ganz meine Richtung, aber für die, die sowas mögen, klingt es recht gut ^^
Lieblos und dahingeklatscht trifft eigentlich auch meine Meinung zu dem abgehackten Schreibstil sehr gut, bei manchen Büchern bin ich dann fast etwas enttäuscht ... Zum Glück hattest du dieses Problem hier nicht :-))

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