"Das späte Geständnis des Tristan Sadler"- John Boyne

Samstag, 19. Mai 2012



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London, September 1919: Der junge Tristan Sadler steigt in einen Zug. Er fährt nach Norwich, um sich dort mit Marian Bancroft, der Schwester seines toten Kameraden Will, zu treffen. Will und Tristan waren Freunde, die Seite an Seite im Ersten Weltkrieg gekämpft haben, bis Will eine folgenschwere Entscheidung traf. Tristans Bericht ist erschüttern, und doch bleibt er Marian die schlichste Wahrheit schuldig - vorerst.

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"Wie soll ich das finden? Ich denke nicht darüber nach. Ich weiß, dass Männer sterben - wie viele, steht jeden Tag in der Zeitung. Aber das sind nur Namen, Buchstabenfolgen, die eine Nachricht ergeben. Ich kenne keinen von ihnen.
Die Namen bedeuten mir noch nichts."
("Das späte Geständnis des Tristan Sadler", Seite 64)


Es gestaltet sich als ziemlich schwierig, ein solches zutiefst ergreifendes Buch zu rezensieren, ohne dabei zu viel verraten zu wollen oder es nicht treffend in Worte kleiden zu können. Das vermag wohl nur John Boyne selbst, der diese Geschichte von Tristan Sadler mit solcher berührenden Hingabe erzählt, dass man als Leser beinahe das Gefühl haben könnte, dass sich diese Geschichte exakt auf diese Weise oder zumindest ziemlich ähnlich irgendwo genauso vor beinahe hundert Jahren hätte zutragen können.

Diese Geschichte, der John Boyne gekonnt mit seiner Wortwahl so viel Leben einhaucht, wie es nur selten einem Autor gelingt. Tatsächlich erscheint er mir ein wahrer Künstler seines Handwerks zu sein: Auf schlichte Weise, die keinesfalls auch nur auf irgendeiner Seite gezwungen wirkt, versteht er es, jede noch so einzigartige Atmosphäre, die während des Buches herrscht, zum Leser zu transportieren, sodass die Geschehnisse reibungslos vor dem inneren Auge oder in der Vorstellungskraft ablaufen. Das geschieht so manches mal auf ziemlich erschreckende Weise, denn John Boyne scheut sich nicht davor, die grausame Realität bei Namen zu nennen bzw. erbarmungslos zu schildern, sodass ich tatsächlich das Gefühl hatte, ebenso in irgendeiner dieser grausamen Kriegsgräben festzusitzen, dieselbe Kälte auf meiner Haut und die Angst durch meinen Körper dringen zu fühlen. Dennoch oder gerade deswegen ist dieses Buch wohl nichts für schwache Nerven, denn während man beinahe das Gefühl verspürt, ebenso mit jeder seiner Sinneswahrnehmungen dieselben Gefühlsachterbahnen der Charaktere mitzuerleben, zielt John Boyne mit wenigen Worten direkt in das Herz eines jeden Lesers.

Einen erheblichen Teil dazu tragen natürlich die Charaktere bei. Allen voran logischerweise Tristan Sadler, der seine Geschichte als Ich-Erzähler schildert und zu dem der Leser wohl die tiefste Bindung aufbaut. Erst nach und nach erhascht man einen Blick in die hintersten Ecken seines Wesens. So mag er zu Anfang noch recht gewöhnlich und nicht besonders herausstechend erscheinen, wird schon schnell klar, dass
Unmengen an fürchterlichen Erfahrungen, die ihn geformt und geprägt haben, hinter seiner undurchsichtigen Fassade stecken müssen und ihn schließlich zu einem höchst faszinierenden Charakter machen, der dies auch bis zum Ende des Buches bleibt. Auch wenn sich mir bei vieler seiner Handlungen innerlich alles widersträubte, sie nachvollziehen zu wollen, lernt man im Laufe der Seiten doch nach und nach sein Innerstes immer besser kennen und verstehen. Dies wird vor allem durch die Zeitsprünge bewerktstelligt, die sich durch das gesamte Buch hindurchziehen, jedoch keinesfalls störend wirken oder zu oft auftauchen. Im Gegenteil, John Boyne löst mit diesen Szenenwechseln, die abwechselnd immer wieder von dem gegenwärtigen Gespräch zwischen Tristan und Marian, zu der Vergangenheit und Tristans Zeit als Soldat bis hin zu Szenen aus seiner Kindheit reichen die Geschichte auf geschickte Art und Weise auf. Damit wird es - wie erwähnt - dem Leser ermöglicht , sich besser und erschreckend gut in Tristan hineinfühlen zu können.

Aber natürlich ist es nicht nur Tristan, den man während des Lesens immer näher kennen und mögen lernt. Unzählige Kameraden tauchen auf, die allesamt durch ihre Einzigartigkeit hervorstechen, ob im positiven oder negativen Sinne. So lernt man gemeinsam mit Tristan andere Charaktere hassen und lieben, verspürt dieselbe Wut, Verachtung, Bedrückung oder Zuneigung. Vor allem aber Eines: Schmerz. Denn diese Lebensgeschichte ist so tiefsinnig und ungeheurlich bedrückend, dass es mir unmöglich war, die Geschichte lange verfolgen zu können ohne es immer wieder beiseite zu legen. Zu viel Stoff zum Nachdenken wird geliefert, ein zu großes, unvergleichliches Wechselbad der Gefühle wird zusammen mit Tristan und den anderen Charakteren durchgemacht, zu viel Grausamkeit, die für diese Kriegszeit maßgeblich war, geschildert, als dass man hätte einfach darüber hinweglesen können. Auch wenn einige Geschehnisse durch die bereits erwähnten Zeitsprünge natürlich vorweggenommen wurden und man somit auf so manche fürchterlichen Ereignisse einigermaßen "gefasst" war, traf es mich nicht weniger schonungslos, sie dennoch zu lesen zu bekommen.

Selten, äußerst selten, habe ich ein Buch gelesen, das mich so intensiv aufwühlen, ergreifen, bewegen und nach der letzten Seite dermaßen bestürzt und dennoch überwältigt zurücklassen konnte. Denn nicht nur die Geschichte selbst, sondern auch das Ende lassen selbst den härtesten Eisklotz mit einem teilweise zerrissenen Leserherz zurück. Garantiert.


"Das heißt jedoch nicht, dass wir überlebt haben. Vielleicht bin ich nicht in Frankreich begraben worden, trotzdem bin ich noch dort. Mein Geist, meine ich. Ich glaube, ich atme nur, das ist alles. Und es gibt einen Unterschied zwischen Atmen und Leben."
("Das späte Geständnis des Tristan Sadler", Seite 151)

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Eine tragische Geschichte, die mittels wundervollem, sensiblem Schreibstil, lebensnahen Charakteren und einer Handlung, die von innerlicher Zerrissenheit, Verlust, Stolz, Menschlichkeit und Schuld erzählt, mitten ins Herz trifft.



Herzlichsten Dank an den Arche-Verlag für die Bereitstellung dieses tollen Rezensionsexemplars!

Kommentare:

misakitty hat gesagt…

Eine schöne Rezi,die Lust auf mehr macht,das Buch mag ich haben.:)

Elif hat gesagt…

Das Buch stand ohnehin schon auf meiner Wunschliste, aber jetzt bin ich komplett überzeugt davon, dass ich es lesen muss. Wundervolle Rezension! :)

Cherry hat gesagt…

Hach, ich liebe dieses Buch.

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