"Kyria & Reb- Bis ans Ende der Welt" - Andrea Schacht

Donnerstag, 12. April 2012


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Das Vereinigte Europa im Jahr 2125 ist eine Welt der kompleten Überwachung. Das geschieht nur zum Besten der Bürger, sagt Kyrias Mutter, eine hochrangige Politikerin des perfekt gesteuerten Systems New Europe. Doch die 17-jährige Kyria möchte endlich erfahren, wie es ist, sich frei zu fühlen. Als sie in Reb, einem jungen Rebell aus dem Untergrund, einen Verbündeten findet, fliehen die beiden auf abenteuerliche Weise aus New Europe und gelangen in ein fernes Reservat.
Dort haben sich die Menschen ein bäuerliches Leben wie in längst vergangenen Zeiten bewahrt. Doch schon bald sind die Verfolger Kyria und Reb auf der Spur. Und das ist nicht die einzige Gefahr, denn alle, die sich der Macht von New Europe entziehen, werden von künstlich ausgelösten Seuchen bedroht. Auch Kyria gerät in den Verdacht, die friedliebenden Menschen des Reservats mit einer Masernepidemie zu vernichten. Zum Glück hat Kyria Freunde an ihrer Seite und einen jungen Rebellen, der ihr Herz berührt...

Quelle: amazon.de

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"Meine Welt, in der harmonisches Miteinander höchstes Gut war, in der Ästhetik und Sauberkeit,
Höflichkeit und Gesundheit die größten Werte darstellten, in der Konflikte durch Gespräche
gelöst wurden, in der man Kultur und Tradition pflegte, Recht und Ordnung herrschten.
Da war ein Missklang.
Recht und Ordnung wohl nicht für alle."
("Kyria & Reb- Bis ans Ende der Welt", Seite 79)

Wiedereinmal begeisterte der Egmont Ink Verlag mit einem außergewöhnlichem Cover. Zarte Farben, ein verträumtes Motiv und ein vielversprechender Klappentext versprachen eine Dystpie ganz anderer Art, voller neuer Ideen, die - so hoffte ich - mit weniger actionreichen, brutalen Szenen, sondern eher mit stillen, ruhigen aber nicht minder interessanten Tönen würde überzeugen können.

Was zuallererst auffällt: Andrea Schachts Schreibstil ist ziemlich kurz angebunden, scheint vor allem einen deskriptiven Zweck zu verfolgen und zeigt sich daher hauptsächlich in kurzen, oft mehrmals aufeinanderfolgenden, für meinen Geschmack etwas zu abgehackten Sätzen. Anstatt dadurch wohl die Spannung zu erhöhen oder den Lesefluss zu erleichtern, wurde bei mir eher das Gegenteil bewirkt. Ich musste mich daher zunächst an diesen etwas anderen, kurzgebunden Stil gewöhnen, was mir glücklicherweise nach einigen Seiten auch gelang, jedoch nicht dazu führte, dass er mir besser gefiel. Nein, im Gegenteil, ich empfand ihn die meiste Zeit als etwas lieblos und, ja, beinahe schon hektisch, als wäre Adrea Schacht darum bemüht gewesen, die Handlung mit kurzgebundenen Beschreibungen möglichst schnell voranzutreiben und nicht weiter auf Emotionalitäten einzugehen.

Wo wir eigentlich auch schon beim springenden Punkt wären. Zwar fanden Kyrias - aus deren Sicht mittels der Ich-Perspektive die gesamte Handlung geschildert wird - Gefühle durchaus ab und an Erwähnung, allerdings eher selten und ziemlich kurz, wobei sie sich meist lediglich mit ungelösten Rätseln und Fragen quälte. So war es demnach nicht verwunderlich, dass es mir mehr als schwer viel, mich in sie einzufühlen. Überhaupt wurde über Kyria als Persönlichkeit die ganze Geschichte hinweg meiner Meinung nach reichlich wenig in Erfahrung gebracht, sodass sie mir selbst gegen Ende noch ziemlich fremd war und als etwas flach erschien, denn irgendwelche ihrer Charakterzüge näher zu benennen finde ich sogar jetzt, nachdem die letzte Seite gelesen ist, als schwierig.
So und ähnlich verhielt es sich auch mit den restlichen Charakteren, an deren Vielzahl es zwar nicht mangelte, deren Ausarbeitung jedoch zu wünschen übrig lässt: Allesmant erschienen sie mir nämlich nicht wirklich detailgetreu gezeichnet, ihre Beweggründe erschlossen sich mir so manches Mal überhaupt nicht und als menschlich oder gar realitätsnah würde ich sie auf keinen Fall bezeichnen.
Viel zu kurz empfand ich außerdem die Auftritte der Nebencharaktere, die meist nur kurzweilig in irgendwelchen Dialogen eingebunden waren. Die Dialoge an sich empfand ich als ziemlich ungewöhnlich. Oft reihte sich eine Aussage an die andere, ohne irgendwelche Zwischeneinwürfte aus Kyrias Gedanke, Einschübe, wie die Beschreibung der Mimik, Gestik der gerade sprechenden Person oder dergleichen. So kam es mir manchmal so vor, als hätte ich anstelle eines Romans ein Drama vor mir, in denen ja meistens auch Einschübe in Form von Regieanweisungen eine Seltenheit darstellen.

Was die Handlung angeht, wird der Leser wohl im wahrsten Sinne des Wortes direkt ins kalte Nass geschmissen: Denn es wird nicht nur mit unbekannten, jedoch in der von Andrea Schacht geschaffenen Gesellschaft üblichen Begriffe wie Civitas, Electi, Id und Subcultura um sich geworfen, was bei mir zunächst zu einem riesigen Fragezeichen über dem Kopf sorgte, sondern auch andere gesellschaftliche Fakten und Normen, die in der zukünftigen Welt zu herrschen scheinen, werden häufig erst später im Laufe der Geschichte geklärt. Demnach kam es dazu, dass ich nicht selten an manchen Stellen etwas verrwirrt eine Augenbraue hochziehen musste, um glücklicherweise später einen umso überasschender eintretenden Aha-Effekt zu erleben. Insgesamt ist die von Andrea Schacht erschaffene Gesellschaft mehr als interessant und neuartig.
Nicht nur, dass eine Rangordnung in Form verschiedener Schichten herrscht und somit die in der Subcultura untergetauchten Menschen von den Civitates und Electi mehr oder weniger verachtet werden, sondern auch die Tatsache, dass es zwichen den Geschlechtern einen überraschenden Statusunterschied gibt: Während in NuYu (New Europe) die Frauen aufgrund dem in der Vergangenheit bzw. vielmehr unserer heutigen Zeit von Männern verursachtem Schaden eine höhere Stellung genießen und dies unwillkürlich auch Einfluss auf die Religion nimmt, wird in den Reservaten eine völlig andere Lebenshaltung vertreten.
Genau diese Aufsplitterung verschiedener Auffassungen empfand ich als extrem originell und fesselnd.

Kyria und Rebs Liebesgeschichte hingegen hat erst gegen Ende sein für mich nachvollziehbares Tempo gefunden. Denn während Kyria mir noch zu Anfang durch ihr voreiliges Vertrauen als etwas naiv erschien, wurde ihre Beziehung zu Reb nach und nach etwas glaubhafter und schließlich sogar ziemlich süß, wobei das wohl vor allem an Rebs humorvoller Art lag, der mir zuende ohnehin erst richtig sympathisch wurde.
Nichtsdestrotz hat diese Geschichte es nicht geschafft, mich gefangen zu nehmen und auch diese kleine Liebesgeschichte führte bei mir aufgrund mangelnder Charakterstärke keineswegs zu Herzschmerz oder einer sonstigen nennenswerten emotionalen Berührung.


"Wenn man jemandem wirklich schaden will, muss man zuvor sein Freund werden, Kyria."
("Kyria & Reb- Bis ans Ende der Welt", Seite 218)


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Eines muss ich diesem Buch wohl trotz all meiner vorangegangener Kritik zugute halten- eine völlig andersartige Dystopie, in der es weniger um umweltliche oder technische Veränderungen, sondern vielmehr um gesellschaftlich unterschiedlicher Ideologien geht, in der keine actiongeladene Szenen Oberhand gewinnen, sondern vielmehr nachdenklich stimmende, ruhige Töne angeschlagen werden, wurde geschaffen.
Die Ausarbeitungen der Charaktere lässt hingegen zu wünschen übrig, denn diese können keineswegs durch Authentizität überzeugen. Eine ruhige, zarte Liebesgeschichte hält dieses Buch trotz allem bereit, weshalb romantische Herzen hier durchaus ihre Freude finden werden.
Schade, dennoch wurde meiner Meinung nach nämlich viel Potenzial dadurch verschenkt.

Ob mich das und ein offenes -zugegeben-, Neugierde erweckendes Ende dazu bringen wird, mich auch dem zweiten Band irgendwann zuzuweden, steht wohl noch in den Sternen.






Herzlichen Dank an den Egmont Ink- Verlag für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplar!

Kommentare:

Cherry hat gesagt…

Irgendwie glaube ich, dass dieses Buch auch bei mir nur mittelmäßig abschneiden würde. Aus diesem Grund habe ich auch erst einmal Abstand davon genommen. Deine Rezension bestätigt mich nur in meiner Vermutung, also vielen Dank dafür ;)

captain cow hat gesagt…

Hm dann war das Buch scheinbar nicht so dein Fall. Ich fand gerade die wenigen Beschreibungen was die Charaktere anbelangt, sympathisch, weil man so aus ihrem Handeln und ihren Worten auf den Charaktertyp Rückschlüsse ziehen konnte. Aber ob man das mag oder nicht, ist eine andere Sache :)

Selina hat gesagt…

Sehr schöne, ausführliche Rezension! :)
Als das Buch erschien, wollte ich es eigentlich unbedingt lesen, aber seit ich so viele schlechte und mittelmäßige Bewertungen gelesen habe, bin ich mir dessen nicht mehr sicher...^^
Jedenfalls danke für diese aufschlussreiche Meinung! :)

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