"Dark Canopy"- Jennifer Benkau

Sonntag, 15. April 2012


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Die Percents, für den dritten Weltkrieg geschaffene Soldaten, haben die Weltherrschaft übernommen und unterjochen die Menschen. Rebellenclans versuchen, außerhalb des Systems zu überleben.
Mit ihnen kämpft die 20-jährige Joy gegen das Gewaltregime. Doch dann fällt sie dem Feind in die Hände und muss feststellen, dass sich auch unter den vermeintlichen Monstern Menschlichkeit findet. Und sogar noch mehr...
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" "Früher", fuhr ich fort, "da gab es sie in Farben, deren Namen wir längst nicht mehr kennen.
Farben, die so wild sind, dass man sie nicht in Büchern zeigen kann, weil sie sich
nicht auf Papier bannen lassen,
sondern wegfliegen."
"So was gibt es? Dinge, die man nicht in Worten beschreiben kann?"
Oh ja. Sein Blick gehörte dazu. Ein Anflug von Stauenen in eine Richtung,
in die er noch nie gegangen war."
("Dark Canopy", Seite 302)


Was für ein Buch. Ein mulmiges Gefühl liegt noch immer in meinem Magen, die Worte der letzten Seite schwirren noch immer in meinem Kopf und ich denke - nein, befürchte - , dass sich dies so fortsetzen und erst enden wird, wenn ich den zweiten Band sicher in Händen halten werde. Unterschiedlichste Meinungen hatten mich dennoch vor dem Lesen stutzig werden lassen. Hatte ich meine Erwartungen diesem Buch gegenüber womöglich zu hoch geschraubt?
Oh nein. Defninitv nicht.

Jennifer Benkaus Stil hat seine ganz eigene Note. Er gehört nicht zu jener Sorte, die mit schönen Umschreibungen spart und Hauptsätze ohne jegliche Verkästelung zum Einsatz kommen lässt. Ganz im Gegenteil, ihr Stil besitzt sowohl die passende Kürze und begeistert gleichzeitig stellenweise durch beinahe schon metaphorische Verschönerungen und Umschreibungen ohne dabei zu sehr auszuschweifen oder in Langatmigkeit abzudriften. Trotzdem behält sie einen jugendlichen Stil bei, der an Joy, der Ich-Erzählerin, angepasst zu sein scheint, sodass ich als Leser tatsächlich das Gefühl hatte, den Schilderungen einer 19-Jährigen zu lauschen und nicht durch einen zu erwachsenen Stil in Erinnerung gerufen zu bekommen, dass in Wirklichkeit eine Schriftstellerin die Fäden in der Hand hält.
Als sehr gelungen empfand ich außerdem die nicht zu oft aber dennoch alle 3, 4 Kapitel auftauchenden Perspektivenwechsel. So schlüpft man folglich als Leser nicht nur in Joys Gedanken- und Gefühlswelt, sondern erhascht als eine Art stiller Beobachter durch die personale Erzählweise auch Einblicke in Matthials Situation, wodurch man als Leser manchmal Dinge erfuhr, die die Protagonisten selbst erst später in Erfahrung bringen würden und umgekehrt. Letztlich fügten sich diese beiden Sichtweisen, die dem Leser geboten werden, zu einem vollständigen, reibungslosen Bild zusammen.
Überhaupt empfand ich Jennifer Benkau mit ihrem teilweise malerischen Stil als Künstlerin ihres Handwerks, dem Erzählen bzw. Schreiben: Selten verfügt ein Schrifsteller wirklich über die Fähigkeit, Szenen, Atmosphären und Bilder so anschaulich und lebensnah vor das innere Auge des Lesers zu zeichnen, dass dieser sich regelrecht mitten im Geschehen glaubt, glaubt, die Dinge, die den Charakteren widerfahren ebenso intensiv mit all seinen Sinnen wahrnehmen zu können. Tatsächlich hatte ich nämlich nicht selten das Gefühl, gemeinsam mit Joy und Neél durch die Gassen der Stadt und einem flauen Gefühl im Magen zu laufen, dieselbe lauernde Achtsamkeit wie die Rebellen im Wald zu verspüren, die allesamt einzigartig und kantig erschienen.


" "(...) Du hast gerade ohne deine Augen gesehen. Wer ohne Augen sehen kann,
kann ohne Berührungen fühlen und ohne Seele lieben."
("Dark Canopy", Seite 328)


Denn der Facettenreichtum der Charaktere ist einfach faszinierend. Ihre Eigenschaften erschienen mir sehr detailgetreu ausgearbeitet, egal, ob es sich um die sture, willensstarke Joy, die vorsichtige Amber, den planenden, vorausschauenden Matthial oder einen sonstigen noch so kleinen und vielleicht sogar unbedeutenden Nebencharakter handelte. Sie waren allesamt eines, was ich ja so oft Lobe oder - sollte es in einem Buch bei den Charakten nicht vorhanden sein - bemängele: Menschlich. Furchtbar menschlich und reich an durch Gefühle, Erinnerungen, Gedanken und Ereignisse geprägten Eigenschaften. Gerade das scheint ein wesentlicher Punkt zu sein, in Anbetracht dessen, dass die Handlung ja selbst mehr oder weniger teilweise auf die Definition von Menschlichkeit abzielt.

Schließlich ragt in dieser Dystopie ein klaffender Abgrund zwischen zwei verschiedenen Arten - Den Menschen und den Percents, die einst von Menschenhand geschaffen wurden. Obgleich man zu Anfang von Jennifer Benkau sehr spärlich mit Informationen über die Percents versorgt wird, wird einem erst viel, viel später, nachdem man sich als Leser bereits mit tausenden von Fragen im Kopf belastet hat, deren Geschichte und der Hintergrund dieser in der Zukunft herrschenden Verhältnisse offenbart. Was ich anfangs demzufolge noch etwas verwirrend empfand, klärte sich dadurch später, nachdem man als Leser immer wieder kleine Stücke und Fetzen an Informationen über die Entstehung der Percents und der Ausartung dieses "Krieges" zwischen ihnen und den Menschen erhalten hat, erst nach und nach auf. Schließlich empfand ich diese spärliche Information, die am Anfang des Buches herrschte, rückblickend betrachtet ziemlich raffiniert. Nicht nur, dass dadurch ganz andere Dinge in den Vordergrund und in die Aufmerksamkeit des Lesers gerückt werden, sondern auch das Gefühl, wirklich als eine Art Zuschauer dem Geschehen folgen zu können, um dabei ab und an in Gesprächen zwischen den Charakteren Informationen aufzuhaschen, wurde verstärkt.

Die Grundidee der Handlung an sich fand zunächst im Gegensatz zu denen anderer Dystopien nicht allzu spannend. Ich konnte mir viel zu wenig darunter vorstellen, zweifelte daran, dass sich aus dieser nicht wirklich spannenden Idee - dem Konflikt zweier (wenn man so will) Völker - eine mitreißende Geschichte entwickeln könnte, die zum Mitfürchten und Mitzittern führen, mich folglich für einige Stunden völlig einvernehmen würde. Glücklicherweise wurde ich eines besseren belehrt, denn Jennifer Benkau ist es meiner Meinung nach wirklich gelungen, ihre Idee gekonnt und glaubhaft umzusetzen, viel mehr noch, denn ich habe wirklich mit den Charakteren gelacht, geträumt, Erleichterung empfunden und aufgeatmet, sprühende Freude verspürt und schließlich gelitten. Vor allem Letzteres, was bei einem Ende dieser Art wohl abzusehen war.
Denn, auch wenn ich es eigentlich schade finde, dass derzeit alle Buchreihen auf eine Trilogie auszulaufen scheinen, würde es mich dennoch riesig erleichtern, wüsste ich, dass sich hierbei nicht nur um eine Duologie handelt und mir nicht nur noch ein einziger Teil, in dem es in der Welt von Joy und Neél zu versinken gilt, bevorstünde.


" "Du wirst sehen", sagte ich.
"Helden findet man dort, wo man nicht nach ihnen sucht." "
("Dark Canopy", Seite 407)

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Es passiert wirklich leider selten, dass ich mich bei einem Buch versuche zu zwingen, nicht allzu schnell die Seiten umzublättern, um das Ende dieses Lesevergnügens möglichst lange herauszuzögern. Doch genau das war hierbei der Fall, denn die knappe 500 Seiten erschienen mir wie im Flug und ich kann es kaum abwarten, hoffentlich, hoffentlich, hoffentlich bald den zweiten Band in Händen halten zu können.
Deshalb gibt es - wie sollte es anders sein? - die volle Punktzahl mit vielen von Herzen kommenden, imaginären Extrapunkten dazu.



Vielen Dank an den script 5 - Verlag für dieses wundervolle Rezensionsexemplar!

Kommentare:

Jeanne hat gesagt…

Genau so ging es mir auch - es ist wirklich ein tolles Buch, das einen berührt weil es so verdammt ehrlich ist. Jeder Figur konnte ich den Entscheidungen im Leben abnehmen.
Eine schöne Rezensionen, dessen Inhalt ich voll und ganz zustimme!

Pia hat gesagt…

Aaaah, dann freue ich mich mal doch auf das Buch :) Hab nur das Fazit gelesen, aber das war schon überzeugend :D

Hanna hat gesagt…

Wow, das hört sich toll an, bin jetzt dooferweise etwas zwiegespalten, da ich schon das genaue gegenteil von dem Buch gehört habe. Hm, was mach ich denn jetzt? Ich versuchs einfach mal mit script5, vielleicht schicken die mir das ja auch zu :)

Liebe Grüße

Jeanne hat gesagt…

Ich schreib dir jetzt einfach mal so hier - weil du es sonst wahrscheinlich vergisst zu lesen, wenn ich dir bei mir antworte.

Also zu Memento - ich glaub das ist wirklich ein Buch für dich. Der Stil ist sehr verträumt und manchmal richtig philosophisch, nur sehr distanziert. Aber wenn du damit zurecht kommst, wirst du es ernsthaft mögen.

zu Dark Canopy -
SPOILER - SPOILER - SPOILER
Ich fand das Ende gut, klar es ist echt fies, weil man nicht erfährt was mit Neel passiert. Aber ich liebe diesen Cliffhanger.
Meine Vermutung ist entweder Joy übt Rache aus und jagt Matthial in die Hölle oder sie versuchen auf die anderen Kontinente überzusegeln um den Clan der Wölfe zu finden.

Das mit James hab ich mich auch gefragt. Ich wette er spielt noch eine tragende Rolle, vielleicht rettet er Joy und Neel aus ihrer missliche Lage, wenn sich rumspricht das beide vom Chivy flüchten konnten oder er hilft ihnen England zu verlassen. Das Buch sagt ja aus, das die Percents eigentlich gar nicht unmenschlich sind, sondern es den Menschen davor nur gleich tun. Wenn ich jahrelang unterjocht werden würde, hätte ich der Person gegenüber auch nur Hass im Herzen und das macht dieses Buch so verdammt gut ♥ Die Percents sind einfach nicht nur böse, sie haben gute Gründe dafür, die verständlich sind.

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