"Ascheträume"-Maurizio Temporin

Sonntag, 29. April 2012


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Wenn schwarzer Schnee fällt, wird die Welt zu Asche.

Als Thara zum ersten Mal an der Blüte einer Schwertlilie riecht, ist ihr Leben nicht mehr wie zuvor: Sie verliert das Bewusstsein und kommt in einer Welt aus Asche zu sich. Doch an diesem lebensfeindlichen Ort ist sie nicht allein. Ein uralter Feind hat nur darauf gewartet, dass Thara diese fremde Welt betritt. Einzig Nate, der scheue Junge ohne Gedächtnis, kann sie beschützen. Doch warum ist er hier gefangen?
Um ihn zu retten, geht Thara das größte Wagnis ihres Lebens ein.


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"Diese Welt hatte uns versprochen, etwas entstehen zu lassen,
nur um es uns dann wieder zu rauben.
Aber ich hätte es wissen müssen. Ich hätte es gleich wissen müssen.
In der Asche keimten keine Blumen."
("Ascheträume", Seite 223)


Eine Aschewelt, in der alles aufersteht, was in der wirklichen Welt verbrannt wird. Eine Zwischenwelt mit Bewohnern, die sich ihres Schicksals nicht bewusst sind oder aber ihr Gedächtnis und damit die Erinnerungen an die wirkliche Welt und ihre Identität verloren haben. Dies klang und klingt in meinen Ohren zugegebenermaßen noch immer äußerst interessant und einfallsreich, neuartig und reich an erdenklich viele Möglichkeiten. Nach etwas Neuem, das vor Ideenreichtum strotzen und sich damit von der Masse übriger Bücher abheben würde. Nach der Erfindung einer Zwischenwelt, die ganz ohne weitere phantastische Elemente auskommen würde und dennoch fähig wäre, eine spannungsgeladene Handlung bereitzuhalten.
So viel zu meinen Erwartungen. Die Realität sah zu meiner Enttäuschung leider etwas anders aus.

Zuallererst wäre da Maurizio Temporins Schreibstil, der nicht wirklich durch Besonderheiten auffällt oder glänzt. Ein Stil, wie er sich in ziemlich vielen Büchern in ähnlicher Struktur finden lässt, mit Jugendbuch-angepasster, eher kurz gehaltener Sprache.
Bündig, ohne Ausschweifungen, teilweise abgehackt und etwas zusammenhangslos und leider meiner Meinung nach ebenso emotionslos. Orte, Personen oder sonstige äußere Komponenten wie Mimik und Gestiken der Charaktere wurde kaum Aufmerksamkeit geschenkt, was dazu führte, dass ich mir oft kein Bild von den Handlungsorten oder der ablaufenden Szenen gestalten konnte und die Szenen definitv nicht vor meinem inneren Leserauge realitätsgetreu abliefen. Stellenweise schien der Schriftsteller krampfhaft darum bemüht, Gefühlsregungen zum Leser mittels geplanten, teilweise metaphorischen und gefühlsüberladenen Umschreibungen zu transportieren. Leider aber erzielte dies den gegenteiligen Effekt, denn dies wirkte auf mich nicht nur gezwungen und gekünstelt, sondern leider auch etwas übertrieben, sodass mir Thara, die als Ich-Erzählerin die Protagonisten in "Ascheträume" darstellt, sogar ab und an etwas zu gefühlsduselig und dadurch beinahe blauäugig erschien.
Ihre Gefühlsschilderungen schienen von einem Extrem ins andere zu wechseln: Während sie in Szenen zusammen mit Nate eine schier unendlich große Explosion von Liebeswallungen durchlebte, wirkte sie in anderen Szenen dafür umso abgebrühter, regungslos und realitätsfremd. Ihre Reaktionen waren mir folglich nur selten schlüssig, vor allem ihre empfängliche Art, eine - eigentlich - erschütternde, alles verändernde Nachricht über sich selbst bzw. ihre wahre Identität zu erfahren, auf die sie mit einer solch unbekümmerten Akzeptanz reagierte (à la: "Was? Das kann doch nicht sein... Ich konnte es nicht glauben... Okay! Alles klar!"), dass sie mir einfach immer unglaubwürdiger erschien.


Das war auch mein Problem mit den Charakteren im Allgemeinen- Ihre ausgeweitete Unglaubwürdigkeit, ihre teilweise unnachvollziehbaren Handlungen und ihre stereotypischen, klischeehaften Charakterzüge. Vor Thara entsprach ganz diesem typischen Jugendroman- Klischee einer Außenseiterin, die sich aufgrund ihrer Absonderheit nichts sehnlicher wünscht, als normal zu sein bzw. von anderen akzeptiert zu werden. Der Freak auf der Schule, mit zwei besten, unbezahlbaren weiteren Freunden, die ebenso große Außenseiter sind und auf dieselbe Weise von den typischen Highschool-Zicken ungerechterweise drangsaliert werden.
Glücklicherweise durfte ich später aufatmend feststellen, dass diese typische Highschool Szenen, dessen Schüler in schwarz und weiß gezeichnet sind und kategorisch eingeteilt werden, nicht die Oberhand gewannen und lediglich auf den ersten 100 Seiten auftauchten.
Leider aber verhielt es sich auch außerhalb der geringen Schulszenen mit den Charakteren nicht anders: Ziemlich schnell wird klar, wer der eigentliche Bösewicht der Geschichte, der bereits rigoros im Klappentext erwähnt wird, darstellt. Das Böse an sich, das eigentlich eine zentrale Rolle in dieser Geschichte spielt, wurde entgegen meiner Hoffnungen nicht realistisch dargestellt. Zu unbegreiflich und unnachvollziehbar waren dessen Motive, das Böse an sich, das für dessen schändliche Handlungen eigentlich hinter der grausamen Fassade ebenso teilweise menschliche Züge und Beweggründe verborgen hält, blickte hier in keinster Weise durch. Im Gegenteil, stattdessen schien der Bösewicht aus reiner Gier nach Bösem zu handeln, aus Rachemotiven, die bis zum Schluss nie wirklich erläutert werden und auch die Charaktere nicht sonderlich zu interessieren scheint. Die Schwarz-Weiß Malerei der Charaktere nahm somit leider seinen Lauf, die keineswegs durch Facettenreichtum überzeugen konnten.

Was meinen vorangegangenen Erwartungen bezüglich der Handlung betrifft, wurde ich zumindest in einem nicht enttäuscht, nämlich in puncto Originalität. Tatsächlich hält diese Geschichte viele neuartige Elemente bereit, auf die man in der phantastischen Literaturwelt auf diese Weise nicht oft trifft. In diesem Sinne konnte mich Maurizio Temporin vor allem bis zu Mitte des Buches hin mit seinem Ideenreichtum und seiner Fantasie überzeugen, aber scheinbar war damit der Höhepunkt der Handlung auch schon erreicht, denn von da an nahm diese meiner Meinung nach unsäglich ab.
Zwar blieben die Handlungsverläufe nach wie vor für mich ziemlich unvorhersehbar, dennoch griff Maurizio Temporin plötzlich in eine Trickkiste, der nach meinem Geschmack leiber hätte geschlossen bleiben sollen: Plötzlich wurde seine eigentlich originelle, einzigartige Idee von der Aschewelt, dem Cinerarium, mit anderen, bereits bekannten phantastischen Elementen und Wesen vermischt, die in meinen Augen dort überhaupt nichts zu suchen hatten. Altbekannte Fantasie-Wesen wurden etwas abgewandelt, verändert, an dessen Eigenheiten geschraubt und - tada!- als neuwertige Idee benutzt. Beinahe wie vom Donner gerührt fühlte ich mich, als die Handlung, die zu Anfang durch dessen außergewöhnliche Grundidee noch so spannend geklungen hatte, zunichte gemacht wurde. Hätte ich geahnt, dass dieses Buch in einem solch hohen Maß phantasielastig ist, hätte ich höchstwahrscheinlich eher nicht danach gegriffen.
Zwar hielt das Ende noch einen kleinen Überraschungseffekt bereit, der - wäre das Vorangegangene anders gewesen- durchaus Lust auf den zweiten Band erweckt, jedoch meine Ernüchterung über die plötzliche Handlungswende nicht wett machen konnte.


"(...) zwar konnten wir wählen, ob wir Gutes oder Böses taten,
aber in jedem Fall würden wir immer und ewig mit dem Bösen zu tun haben."
("Ascheträume", Seite 368)

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Ich hatte eine neuartige, ideenreiche Geschichte mit interessanter Grundidee erwartet. Bekommen habe ich eine zwar noch immer reizvolle Hintergrundgeschichte, jedoch kombiniert mit altbekannten phantastischen Elementen, die der Geschichte in meinen Augen die Originalität raubten. Auch die Charaktere konnten bei mir keine besonders hohen Sympathie-Punkte sammeln, ebenso wenig konnte mich die zurückhaltende, kleine Liebesgeschichte berühren. Ich, die sich nicht gerade aus Freund der phantastischen Literatur bezeichnen würde, denke daher, dass ich zu den weiteren Bänden der Ascheträume-Saga eher nicht greifen werde.

Dennoch würde es mich nicht wundern, wenn Freunde der Fantasy-Literatur mit diesen Buch ihre Freuden haben würden, vor allem all jene, die nach etwas Neuem gepaart einer Mischung aus verschiedenen anderen Elementen Ausschau halten.





Herzlichen Dank an den Ivi-Verlag für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Kommentare:

Sophia hat gesagt…

Eine tolle Rezi, auch wenn das Buch gar nicht gut klingt ... Der abgehackte Schreibstil gefällt mir auch überhaupt nicht, auch wenn mir in letzter Zeit bei immer mehr Büchern auffällt. :o Es sieht wohl danach aus, dass ich es von meiner Wunschliste streiche - danke für die "Warnung" :-)

captain cow hat gesagt…

Nachdem mich der Inhalt des Buchs schon nicht wirklich angesprochen hat, bin ich nach dieser Rezension sehr froh, dass ich es nicht gelesen habe. Ich denke, mir wäre es da sehr ähnlich ergangen, zumal ich auch nicht mehr viel Fantastisches lese...

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