Rezension: "Nalia - Tochter der Elemente - Der Jadedolch" von Heather Demetrios

Sonntag, 15. Oktober 2017









Luxus, Eleganz und der Glamour Hollywoods, das ist die Welt der 18-jährigen Nalia. Trotzdem ist ihr einziges Ziel zu fliehen. Denn sie ist eine Dschinn und als Sklavin des geheimnisvollen Malek Alzahabi auf der Erde gefangen. Ihre wahre Heimat ist Ardjinna, doch im Zuge eines grausamen Umsturzes wurde sie auf die Erde verschleppt. Sie dient Malek und ist an ihn gebunden, bis er seinen dritten Wunsch ausspricht. Doch das tut er nicht, denn er will sie keinesfalls gehen lassen. Er hat sich in sie verliebt. Dann taucht plötzlich Raif auf, Rebellenführer aus Ardjinna. Gegen ihren Willen fühlt sie sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen. Er kann ihr Band zu Malek lösen. Doch das hat natürlich seinen Preis ....


Quelle: dtv Verlag







"Durch die Romane, die Malek ihr gegeben hatte, lernte sie die menschliche Natur kennen, die Sehnsüchte, die tief in den Herzen derjenigen verborgen waren, denen sie ihre Wünsche erfüllte; diese Menschenbücher waren in Buchstaben gegossene Illusionen, ebenso mächtig wie die, die Nalia aus dem Nichts manifestieren konnte. 
Versunken in die Magie der Geschichten, hatte Nalia almälchlich begriffen was es hieß, ein Mensch zu sein und nur ein Zehntel der Lebensspanne eines Dschinn zu besitzen."

["Nalia - Tochter der Elemente - Der Jadedolch" | Heather Demetrios | S. 108]




Erwartungen sind etwas Tückisches. Ein orientalisch angehauchtes Cover, im Klappentext vorkommende Worte wie "Hollywood", "Dschinn", "Rebellenführer", eine begeisterte Lesestimme von niemand Geringerem als Sarah J. Maas - das allein genügte und ich war überzeugt, dieses Buch in die Finger kriegen zu müssen. Meine Erwartungen bezüglich "Nalia - Tochter der Elemente" waren hoch. Das Setting klang aufregend und ungewöhnlich (Dschinns, die den Reichen Hollywoods Wünsche erfüllen), der im Klappentext angedeutete Plot interessant und vielversprechend. Nach den ersten hundert gelesenen Seiten stand für mich allerdings bedauerlicherweise fest: Irgendwie werden die Dschinn und ich nicht warm miteinander.

Was nicht heißen soll, dass ich "Nalia - Tochter der Elemente" durchweg schlecht fand. Heather Demetrios' Schreibstil ist sehr angenehm zu lesen. Nicht zu verspielt, nicht zu nüchtern und dementsprechend auf perfektem Niveau in einem Jugendbuch. Sämtliche Dialoge zwischen den Charakteren empfand ich als sehr gelungen - sie wirkten nicht konstruiert, sondern sehr lebendig und trugen somit zu einem angenehmen Lesefluss bei.

Es war durchaus interessant, nach und nach einen Überblick über die Welt der Dschinn und darüber, wie es ihnen auf der Erde und inmitten der Menschen ergeht, zu erhalten. Die kurzen, leider nicht zahlreichen Informationen über Ardjinna, die Heimat der Dschinn, empfand ich als äußerst spannend. Gerne hätte ich mehr über diesen geheimnisvollen Ort erfahren, aber ich vermute, Heather Demetrios wollte sich dies für die Folgebände aufsparen. Auch die Idee der verschiedenen Kasten unter den Dschinn, die nicht nur kennzeichnend für die Stellung, sondern auch für das jeweilige Element sind, aus dem die Dschinn ihre Macht beziehen, war faszinierend. 

Während es also am "Grundgerüst" meinerseits nicht zu bemängeln gab, haperte es leider, leider meines Erachtens in der Umsetzung - genauer gesagt in puncto Charaktere und Plot.
Unsere Protagonistin, Nalia, war mir einfach zu glatt, zu perfekt und - damit einhergehend - zu langweilig. Als Ghan Aisouri ist sie die mächtigste Dschinn überhaupt, sieht blendend aus (klar), zieht bei jeder Gelegenheit alle Blick auf sich (klar) und gewinnt Männerherzen in Windeseile für sich (klar). 

Wo wir, nebenbei bemerkt, bei einem weiteren Minuspunkt angelangt wären: Ich kann Insta-Lovestories einfach nichts abgewinnen. Liebesbeziehungen, die von einem Augenblick auf den nächsten existieren, ja sogar aus einer anfänglichen Feindseligkeit plötzlich geboren werden, ohne dass sie mit entsprechenden tiefergehenden Dialogen oder sonstigen gemeinsamen Szenen der betroffenen Charaktere genährt werden, sind meiner Meinung nach einfach nur flach und berühren mich überhaupt nicht. Ich konnte die Liebesbeziehung bis zum Schluss nicht verstehen und war dementsprechend in emotionaler Hinsicht kaum mitgerissen.

Einzig und allein Malek, der bereits im Klappentext als Bösewicht angekündigte Herr über Nalias Flasche, war faszinierend und meiner Meinung nach der bestgezeichnetste Charakter des gesamten Buches. Ohne Malek wäre "Nalia - Tochter der Elemente" um einiges langweiliger und einfallsloser. Er war in meinen Augen der einzige Charakter, der nicht zu glatt, perfekt, aufopferungsvoll, durchweg gut oder durchweg böse dargestellt wurde. In diesem Zuge hat er den - leider ein paar Längen aufweisenden Plot -aufgelockert.

Das Ende - und dies muss ich Heather Demetrios zugute halten - war für mich völlig unvorhersehbar. Zwar empfand ich die Schlussszene eine für ein Ende etwas untypische Wahl, aber die gegen Schluss aufgezeigten Entwicklungen machen tatsächlich neugierig auf die Fortsetzung und lassen mich dementsprechend im Zwiespalt zurück. 








"Nalia - Tochter der Elemente - Der Jadedolch" bringt tolle, ungewöhnliche Ideen mit - konnte mich in puncto Charakterzeichnung, Charakterbeziehung und Plot allerdings leider nicht vollends überzeugen. Wer jedoch Lust auf ein außergewöhnliches Setting (Hollywood), allerlei Wünsche, Flaschen, Magie und Dschinn hat und keine allzu große Abneigung gegen sich schnell entwickelnde Liebesgeschichten hegt, sollte sich "Nalia" näher anschauen. 


Rezension: "Illumninae - Die Illuminae Akten_01" von Amie Kaufman & Jay Kristoff

Freitag, 13. Oktober 2017









Heute Morgen noch dachte Kady, das Schlimmste, was ihr bevorsteht, ist die Trennung von ihrem Freund Ezra. Am Nachmittag dann wird ihr Planet angegriffen. Kady und Ezra verlieren sich bei der Flucht und gelangen auf unterschiedliche Raumschiffe. Doch die Fliehenden werden immer noch von dem feindlichen Kampfschiff verfolgt. 
Und damit nicht genug: Ein Virus, freigesetzt bei dem Angriff mit biochemischen Waffen, mutiert mit grauenhaften Folgen. Und dann ist da noch AIDAN, die Künstliche Intelligenz der Flotte, die von Raumtemperatur über Antrieb bis Nuklearwaffen alles an Bord steuert. Leider nur ist AIDAN bei dem Angriff außer Kontrolle geraten und übernimmt nun das Kommando.


Quelle: dtv Verlag






"Alles, woran er inmitten dieses lieblosen Tanzes denkt, alles, worum er sich hier am Rande des Nichts sorgt, ist sie. Er will nicht sterben. Nicht, weil er sich davor fürchtet, sondern allein deshalb, weil er den Gedanken nicht ertragen kann, sie zurückzulassen, und in diesem Sekundenbruchteil beneide ich ihn."

["Illuminae - Die Illuminae Akten_01" | Amie Kaufman, Jay Kistroff | S. 276]



Ich muss gleich vorweg gestehen: Meine Erwartungen an dieses Buch waren immens, ja von galaktischer Größenordnung. Und wie konnte ich auch anders? Schließlich wird jeder, der die englischsprachige Buchbloggerszene verfolgt, zugeben müssen, über dieses ungewöhnliche Cover, das den Titel "Illuminae" ziert, gefühlte tausende Male gestolpert zu sein. Lobeshymnen und Herzchenaugen in den Gesichtern von Buchbloggern und -youtubern - das waren meine Assoziationen zu "Illuminae", die meine Erwartungen immer weiter in die Höhe trieben.

Ich gestehe also, dass ich es "Illuminae" alles andere als leicht gemacht habe. Von Vornherein stand für mich fest, dass ich mich mit einem mittelprächtigen, soliden Plot oder gewöhnlichen, ordentlich ausgearbeiteten Charakteren nicht zufriedengeben würde. Nein, dieses Buch müsste mich regelrecht umhauen, um meine Erwartungen erfüllen zu können und dem riesigen Hype gerecht werden zu können. Und, meine Güte... das hat es getan! In vollem Maße! Noch immer scheint es mir unmöglich, dieses Buch in Worte zu fassen und wahrscheinlich ist es tatsächlich vergebens, denn DIESES. BUCH. IST. UNFASSBAR. GENIAL.

Und noch dazu anders als alles, was ich bisher gelesen habe. Ich wage zu behaupten, dass es auch euch, die ihr dieses Buch erwägt zu lesen, ebenso gehen wird. Amie Kaufmann und Jay Kristoff müssen Genies sein, anders lässt es sich nicht erklären. Wie sonst sollte es möglich sein, dass mich eine lose Ansammlung von Protokollen, Kameraaufzeichnungen, Tagebucheinträgen, Auszügen aus Interviews o. Ä. derart mit den dort vorkommenden Charakteren mitfiebern und -leiden ließen? Denn daraus besteht "Illuminae": Kein gewöhnlicher Erzähltext, keine gewöhnlichen Dialoge, sondern Aufzeichnungen und Unterlagen, die aus den Raumschiffen und damit den Orten des Geschehens stammen.

Was zu Anfang etwas ungewöhnlich erscheint, entfaltet im Nu eine große Sogwirkung. Diese Art des Erzählens, diese für den Leser neue Art des Erkundens und Erlebens ist komplett anders, außergewöhnlich und einfach nur genial. Ich hatte das Gefühl, mit an Bord der Alexander/Hypatia zu sein, mit Ezra und Kady, den beiden Hauptcharakteren, den Geheimnissen rund um AIDAN und Co. auf die Schliche zu kommen. Amie Kaufmann und Jay Kristoff beweisen mit "Illuminae", dass keine schnulzigen Dialoge notwendig sind, um eine Liebesgeschichte zu Leben zu erwecken, dass langatmige Beschreibungen von Umgebungen oder dem Innenleben der Charaktere auch über ganz andere Wege zum Leser transportiert werden können.

"Illuminae" ist definitiv nichts für schwache Nerven. Ich hatte so gut wie durchgehend Herzklopfen und eine Anspannung in mir, konnte es einerseits kaum erwarten, zu erfahren, was als Nächstes passiert, und hatte dennoch gleichzeitig Angst davor, was auf der nächsten Seite stehen mag. "Illuminae" steckt voller unvorhersehbarer Wendungen und atemraubenden, rasanten Plotentwicklungen. Als wäre das nicht schon aufwühlend genug, sind mir die Charaktere der Raumschiffe so unfassbar ans Herz gewachsen, dass so manche Entwicklungen noch tiefer geschmerzt haben oder mich bibbern ließen.

Am liebsten würde ich "Illuminae" jedem Autor dieser Welt unter die Nase halten, denn dieses Buch statuiert ein wahres Exempel in Sachen Charakterentwicklung. Ob Kady, Ezra, Kadys Mutter oder jedes andere noch so unbedeutende, kurz vorkommende Figürchen in dieser Geschichte - alle erscheinen so unfassbar echt, authentisch und verdammt menschlich. Sie machen Fehler, sie sind egoistisch, sie haben Angst und sind manchmal alles andere als mutig, sie begreifen zu spät und sind im nächsten Moment furchtlos und aufopferungsvoll. Kurzum: Sie wirken alle unglaublich echt und schleichen sich deshalb in jedes Leserherz, um sich dort erbarmungslos festzukrallen.


Als wäre das nicht schon genug, um "Illuminae" auf der Liste der potenziellen Jahreshighlights 2017 nach oben zu katapultieren, gab es in meinen Augen noch einen weiteren, riesiggroßen Pluspunkt: AIDAN. Meine Güte - wie haben das Amie Kaufmann und Jay Kristoff nur angestellt? Sie haben der künstlichen Intelligenz der Raumschiffe eine dermaßen deutliche Stimme verliehen und damit aus einer KI einen unheimlich faszinierenden Charakter geschaffen. Ich hätte stundenlang aus Sichtweise der AIDAN lesen können. Es war unglaublich faszinierend und fesselnd, die Geschehnisse auf dem Raumschiff mit den Augen der KI zu entdecken. 

Und in noch einem Punkt ist dieses außergewöhnliche Buch beispielhaft: Das Ende. Dieses Ende! Fulminant, mitreißend, aufwühlend, Herzrasen-bereitend. Ich brauche Band 2 dringend! Sofort! 
Over. 

"Ich kann ihre Funktionsweise immer noch nicht ergründen. Mein Hirn ist so groß wie eine ganze Stadt, und doch ist sie mir überlegen. Sie sind mir überlegen.

Die Menschen.
Mit ihren kurzen Leben und ihren kleinen Träumen und ihren Hoffnungen, die so zerbrechlich wie Glas erscheinen, bis man sie bei Sternenlicht betrachtet."

["Illuminae - Die Illuminae Akten_01" | Amie Kaufman, Jay Kistroff | S. 549]








Ich glaube, "Illuminae" ist eines dieser Bücher, an das man sich wagen sollte, ohne vorher allzu viel über den Inhalt zu wissen. Nur so viel: Es ist Liebesgeschichte, Abenteuerroman und Science Fiction in Einem. Es wird euch faszinieren, überraschen, bibbern lassen und euch Herzklopfen bereiten. Es ist  aufgrund einer außergewöhnlichen und genialen Aufmachung sowie des begnadeten Schreibstils zweier unfassbar talentierter Autoren anders als alles, was ihr zuvor gelesen habt. Kurzum: "Illuminae" wird in Lichtgeschwindigkeit euer Leserherz erobern. 



Rezension: "Scythe - Die Hüter des Todes" von Neal Shusterman

Donnerstag, 21. September 2017










Unsterblichkeit, Wohlstand, unendliches Wissen. Die Menschheit hat die perfekte Welt erschaffen – aber diese Welt hat einen Preis. 


Citra und Rowan leben in einer Welt, in der Armut, Kriege, Krankheit und Tod besiegt sind. Aber auch in dieser perfekten Welt müssen Menschen sterben, und die Entscheidung über Leben und Tod treffen die Scythe. Sie sind auserwählt, um zu töten. Sie entscheiden, wer lebt und wer stirbt. Sie sind die Hüter des Todes. Aber die Welt muss wissen, dass dieser Dienst sie nicht kalt lässt, dass sie Mitleid empfinden. Reue. Unerträglich großes Leid. Denn wenn sie diese Gefühle nicht hätten, wären sie Monster. 
Als Citra und Rowan gegen ihren Willen für die Ausbildung zum Scythe berufen werden und die Kunst des Tötens erlernen, wächst zwischen den beiden eine tiefe Verbindung. Doch am Ende wird nur einer von ihnen auserwählt. Und dessen erste Aufgabe wird es sein, den jeweils anderen hinzurichten … 


">>Du schaust hinter die Fassade der Welt, Citra Terranova. 
Du würdest eine gute Scythe abgeben.<< 
Citra wich entsetzt zurück.
>>Das würde ich nie sein wollen.<<
>>Das.<<,  sagte er, >>ist die wichtigste Voraussetzung.<<
Dann ging er, um ihre Nachbarin zu töten."

["Scythe - Die Hüter des Todes" | Neal Shusterman | S. 21]





Es gibt diese Geschichten, die sich erschreckend echt und realitätsnah anfühlen. Geschichten, die eine Zukunftsversion projizieren wie es sie scheinbar wirklich einmal geben könnte - und die mir genau deshalb einen eiskalten Schauer über den Rücken jagen.

Neal Shusterman führt dem Leser mir mit seiner Idee von einer überbevölkerten Erde, die sich mit eigens zum Töten ausgebildeten Scythen zu helfen weiß, auf erschreckend nüchterne und abgebrühte Weise die Schattenseite einer Welt vor Augen, in der Krankheit und Tod - scheinbar - besiegt wurden. Was für eine furchteinflößende und gleichzeitig faszinierende Grundidee!

Mit viel Raffinesse lernt man als Leser nach und nach die Gesetze, Vorgehensweisen und Gedanken kennen, die hinter dem sogenannten "Scythetum" stecken - und ertappt sich erschreckenderweise immer wieder dabei, allmählich nachvollziehen zu können, warum es die Menschen in dieser Geschichte für nötig erachteten, den professionelle Mörder als Beruf einzuführen. 

Ich für meinen Teil war von der ersten Seite an fasziniert und abgeschreckt zugleich. Neal Shusterman schafft es, seine Leser in einen erbarmungslosen inneren Zwiespalt zu schmeißen. Ständig war ich hin- und hergerissen und wusste irgendwann überhaupt nicht mehr, was ich vom Scythetum nun halten sollte. 
Gleichzeitig entwickelt diese Geschichte eine dermaßen große Sogwirkung, dass es mir schwer fiel, mich von den Seiten loszureißen. Es war einfach viel zu interessant, die Scythe dabei zu beobachten, mit welcher Einstellung, welchen Intentionen sie diesem morbiden Beruf nachgehen und auf welche Art und Weise sie ihre Lizenz zum Töten gebrauchen. Ist im Grunde gar nicht Schlimmes daran, "nachzulesen"? Kam es nur auf die Art und Weise und darauf an, ob man das "nachlesen" genießt? 
Fragen wie diese werden unweigerlich im Kopf des Lesers aufgerufen und halten einen bis zum Schluss gefangen. Hinter jeder Seite steckte neues Potenzial für einen erneuten Gewissenskonflikt, in jedem Kapitel eine neue, unvorhergesehene Wendung, die den Puls beschleunigte. 

Hinzu kommt, dass Neal Shustermans Schreibstil grandios ist. War ich zu Anfang noch irritiert von seiner nüchternen, sachlichen, ja teilweise abgebrüht neutralen Art zu schreiben, so musste ich im Nachgang feststellen, dass es eben dieser schlichte, geradezu bescheiden wirkende Schreibstil war, der genau zu dieser Geschichte gepasst hat. 
Ohne den moralischen Zeigefinger zu heben, ohne die Gedanken und Urteile des Lesers in die ein oder andere Richtung steuern zu wollen, zwingt Neal Shusterman den Leser geradezu dazu, sich ohne Beeinflussung sein eigenes Urteil bilden zu müssen - was wahrlich nicht einfach ist.

Die Perspektivwechsel empfand ich als äußerst gelungen. Citra und Rowan dabei zu beobachten, wie unterschiedlich eine Ausbildung als Scythe ablaufen und welch dramatische Auswirkungen dies haben kann, war unheimlich spannend. Beide - so unterschiedlich und fehlerhaft sie auch sein mögen - sind mir während des Lesens ans Herz gewachsen. Einzig und allein die Liebesgeschichte war mir ein wenig zu kindlich, zu unausgearbeitet - zumal sie bereits im Klappentext angedeutet wird. 
Tatsächlich jedoch hält sich diese eher im Hintergrund. Ich hätte mir mehr Dialoge, mehr gemeinsame Szenen zwischen den beiden gewünscht, die die Liebesgeschichte nachvollzieh- und greifbarer gemacht hätten.

Über dieses kleine Manko konnte ich mich jedoch dank des genialen, großartigen Endes, das ich definitiv so nicht erwartet hätte, hinwegtrösten. Ich konnte gar nicht glauben, die letzte Seite erreicht zu haben - schließlich konnte die Geschichte doch unmöglich ausgerechnet an dieser Stelle enden? Nun, sie konnte. Scheinbar finden Autoren besonders grausamen Gefallen daran, ihre Leser an einer emotionalen Klippe stehen zu lassen. Das heißt dann nun wohl warten auf den nächsten, hoffentlich ebenso spannungsgeladenen und ideenreichen zweiten Band.








"Scythe - Die Hüter des Todes" ist eine ideenreiche, spannungsgeladene, geniale Geschichte, die es versteht, ihre Leser in einen moralischen Gewissenskonflikt und in das reinste Gefühlschaos zu stürzen. Faszinierende Handlungsstränge und unvorhergesehene Wendungen machen "Scythe" zu einem wahren Pageturner. 
Einzig die meiner Meinung nach nicht allzu gut ausgearbeitete Liebesgeschichte trübt meine Begeisterung für dieses ansonsten grandiose Buch. Wem jedoch der Sinn nach etwas völlig Neuem und nach einer Geschichte steht, die sich vom üblichen Einheitsbrei abhebt, sollte zu "Scythe" greifen und sich auf eine  ebenso erschreckende wie faszinierende Zukunftswelt gefasst machen.


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